Zwei Mal war ich in Berlin und ging dort fast jeden Abend ins Theater. Ich bereitete jeden Schritt vor, checkte meine Eintrittskarten genau, um nicht Reihe und Platz zu verwechseln. Denn wie peinlich ist es, auf dem falschen Platz zu sitzen und wenn alle anderen ruhig und gelassen ihre Plätze einnehmen, sich wie eine aufgescheuchte Krähe durch die Reihen zu drängeln. Im halbrunden Saal des Berliner Ensembles zeigte ich deshalb etwas nervös meine Karte gleich zwei Platzanweisern, um sicherzugehen, welcher mein Sitzplatz sei.

In der Volksbühne habe ich ein Stück von René Pollesch gesehen, dessen Bühnensprache ja sehr verdichtet ist. Es gab keine Übertitel. Eine Stunde lang verstand ich nur ein einziges Wort: Capitalism. Doch die Aufführung war so musikalisch, dass ich auch die Dialoge als Musik wahrnahm. An einem anderen Abend sah ich das neue Stück von Christoph Marthaler. Das Publikum amüsierte sich und lachte ständig. Ich denke, im Stück gab es viele Anspielungen auf Gegenwart oder Witze. Obwohl ich kein Deutsch verstehe und erst recht nicht den sprachlichen Kontext, habe ich die Aufführung sehr genossen, ich war begeistert von der Interaktion zwischen Bühne und Zuschauerraum und den einvernehmlichen Reaktionen des Publikums. In diesem Augenblick vergaß ich ganz, wer ich bin, und wurde einfach Teil der Gruppe. Es gab eine Art stilles Einverständnis untereinander, ein Gefühl, das weit über die Sprache hinausgeht. Das ist die Magie des Theaters!

Als ich schließlich an der Schaubühne Thomas Ostermeiers „Hamlet“ sah, war ich weniger „geborgen“. Das Stück war mit Übertiteln, also kein Problem. Doch plötzlich wandte sich der sehr populäre Darsteller des Hamlet mitten in seinem Monolog direkt an die Zuschauer und begann, sich mit uns zu unterhalten. Die „vierte Wand“ verschwand. Oh Schreck, dachte ich, die ich genau vor Hamlet in der ersten Reihe saß. (Sich unterhalten heißt extemporieren, ohne Übertitel.) Hamlet sprach mit den Zuschauern, ein Satz ergab den nächsten, alle lachten, Scheinwerfer glitten durch die Reihen auf der Suche nach dem nächsten Gesprächspartner. Ich hatte zunächst gedacht, mein Platz sei super, aber die Lage wurde gefährlich. Ich wusste nicht, was besser war: Wenn der Prinz mit mir sprechen würde, das wäre bestimmt ein unvergessliches Erlebnis, aber wenn ich keinen Ton rausbrächte, was dann? Mir lief der einzige Satz, den ich konnte durch den Kopf: Ich bin Ausländer und spreche nicht gut Deutsch. Im Stillen übte ich, um ihn dann dem Prinzen in unserem Gespräch zu sagen. Kein Problem, dachte ich.

Schließlich erblickte mich der Prinz und erwählte … meinen Sitznachbarn.

War das nun Glück oder Unglück?

Vee Leong (Autorin und Theaterregisseurin aus Hongkong)