Ling Long 1934  © Columbia Univesity Libraries

Ling Long 1934 © Columbia Univesity Libraries

Die Nächte von Shanghai, ein zügelloser Traum.
Menschen, eine Menge, Männer, Frauen, ein warmer Ofen, Rauch, alles findet sich in diesem Raum. „Es gibt Wein, also wollen wir uns betrinken!“, habt Spaß, die Welt gehört euch!
Taotao, Angestellte der Grund & Boden-Union, eine moderne Frau. Ein Täubchen, klug, schön und wild. Aber sie leidet unter der typischen Krankheit dieser Zeit: sie will immer mehr und immer Neues, so will sie mit einer neuen Liebe die Leere ihres Herzens füllen. Eine zufällige Begegnung und sie verliebte sich in einen Mann. Drei Jahre kannte sie ihn nun schon, den Journalisten Yu Leng.
Am Sonntag amüsiert sich, wer frei und wer Geld hat. Die Armen sind beschäftigt, beschäftigt und besorgt. Gutherzige Mädchen erteilen an ihrem freien Tag Arbeiterkindern Unterricht. Fräulein Taotao ist mit Freunden zum Essen verabredet. Die Gäste trinken, flirten, sind fröhlich, lachen unbekümmert, sie sind jung, Yu Leng ist einer von ihnen, natürlich.
Die Reize mussten stark sein und die Liebe absolut, das begriff Taotao. Bei passender Gelegenheit wollte sie Yu Leng ihr Herz offenlegen. Er war verheiratet, er liebte seine Frau und er war nicht entscheidungsfreudig: Aber das machte nichts, was soll’s. Sie hatten nur ihre Jugend, die sie einander geben konnten und sich verlieben, war das beste, was es gab.
Sich verlieben, verliebt sein, sich lieben! Boot fahren, spazieren gehen, wie beim Lieblingsfach bekommt man nie genug davon! Taotao war absolut, absolut in ihrer Liebe zu Yu Leng und in den Zurückweisungen der permanenten Nachstellungen von Seiten des Managers ihrer Firma, Lao Shi. Aber Yu Leng quälte etwas: zum Verliebtsein brauchte man Geld, und das Gehalt eines Journalisten reichte da nicht. Erst recht nicht, wenn wieder ein Brief von seiner Frau kam: Das Kind ist krank, Geld!
Lao Shi war noch weniger zufrieden: Was konnte er tun, da sie seine Avancen zurückwies? Leute, die nichts taten, gab es zur Genüge. Was sollte er fürchten? Sollte sie doch bleiben, wo sie wollte. Ein Entlassungsbrief der Union erreichte Taotao.
Die Krankheit von Xiaobao war ernst. Die Ärzte rieten, die Mutter solle das Kind nach Shanghai bringen. Auf einmal war Yu Leng alles zu viel: die Krankheit des Kindes, die ärztliche Behandlung verlangte, die verärgerte Geliebte, die Trost brauchte. Um zu leben, musste man arbeiten, aber wofür all die Mühen, das Geld rann wie Sand durch die Finger und was blieb? All dessen war er auf einmal sehr müde.
Nicht nur er, auch Taotao spürte die Bedrängnis. Eine neue Erfahrung sagte ihr: nicht nur leben, auch lieben ohne Geld geht nicht. Aber woher es nehmen? Das war nicht einfach, sie überlegte hin und her, dann hatte sie einen Plan: Sie rief Lao Shi an …

Sie verließen das Hotel. In gewisser Hinsicht war Lao Shi zufrieden, und sie war in finanzieller Hinsicht zufrieden. Aber nicht nur sie beide, denn Taotao half damit auch Yu Leng. Auch er war ein bisschen zufrieden. Woher sie das Geld hatte, darüber dachte er nicht nach.
Und es passierte noch mehr: Yu Lengs zweites Kind Dabao war gestürzt und starb. Die Zeitung, bei der er beschäftigt war, kündigte ihm. Er machte sich Sorgen, aber er hegte keinen Hass. Warum sie ihm kündigten, verstand er. Er hatte seine Aufgaben vernachlässigt, es geschah ihm recht. Und als er das Taotao erzählte, sagte sie: „Mach dir keine Sorgen. Du brauchst es auch nicht deiner Frau zu erzählen, du kommst einfach jeden Tag statt zur Arbeit hier zu mir.“ Und das Geld? Sie hatte ihre Möglichkeiten.
Gesagt, getan. Zeit, Raum, ja das ganze Leben wurde der Liebe untergeordnet. Fräulein Taotao brauchte mal wieder eine neue Herausforderung und beschloss mit Yu Leng zusammen Shanghai zu verlassen und wegzufahren. Am Abend ging sie noch einmal zu Lao Shi. Als sie ihn am nächsten Morgen verließ, hatte sie einen Scheck über 4000 Yuan in der Tasche. Lao Shi ahnte davon nichts. Es gab keine andere Möglichkeit an Geld zu kommen.
Noch waren die Reisenden nicht aufgebrochen, sie erwachten gerade: Er spürte seine Minderwertigkeit. Ein richtiger Mann gab ohne Bedauern sein Geld für eine Frau aus, und er? Nur deshalb verstieß Tao Tao gegen das Gesetz, ja sie verstieß dagegen. Das Gesetz nämlich gestattet nur den Reichen sich legal zu bereichern, aber es gestattet keinem, sich illegal das Geld der Reichen zu nehmen. Am nächsten Tag würde die Tat die Schlagzeile der Zeitungen sein.
Yu Leng ahnte etwas und komischerweise hasste er Tao Tao dafür! Das war nicht richtig, dachte er. Es sei denn, noch mehr unerwartete Dinge geschahen: Ausgerechnet jetzt kam seine Frau hinter sein Geheimnis und verließ ihn. Die Liebe aus, die Frau weg, Dekadenz, Vergnügungen, er, alles war am Ende.
Im Gefängnis stoßen verschiedene Welten aufeinander. Tao Tao traf zufällig ihre alte Freundin An Lin. Sie war fortschrittlich und revolutionär. Aber manchmal verstößt auch die Revolution gegen das Gesetz. Nun waren sie beide hier. Früher hatte An Lin den Arbeiterkindern das Lesen beigebracht und Tao Tao tat alles für die Liebe. An Lin mahnte sie, nicht das ganze Leben nur auf Liebe zu bauen, aber Tao Tao hörte nicht. Obwohl hier doch jeder gegen das Gesetz verstoßen hatte, hörte An Lin nicht auf, Tao Tao zu agitieren.
Ein Tag, zwei Tage, ein Monat, zwei Monate. Die Zeit war ein unbarmherzig, tötete Illusionen mit scharfem realistischem Messer. Tao Tao spürte noch immer die Leerstelle der Liebe. Für wen hatte sie gegen das Gesetz verstoßen? Yu Leng würde das nie verstehen. Denk doch mal nach, so eine Liebe!
Ein Tag, zwei Tage, ein Monat, zwei Monate … ein Jahr.
Fräulein Tao Tao kam aus dem Gefängnis. An Lin sagte zu ihr: „Geh! Du musst an dich selbst denken!“ – Sie ging, doch – am Tor sah sie plötzlich einen der männlichen Gefangenen, er trug Wasser, er kam ihr bekannt vor. „Wie kommt er hierher?“ Aber nein, das kann nicht Yu Leng sein.
Also ging sie, ohne sich umzudrehen. Sie verließ das Gefängnis, und auch das Gefängnis der Liebe sollte sie nicht mehr festhalten. Vor ihr lag eine lichte Straße, der unendliche Ozean und der grenzenlose Himmel. Die Tao Tao von heute war nicht mehr die von früher.

(in: 明星月报 Mingxing Monthly, Juni 1933)