Shadow Days

Shadow Days ©Zhao Dayong

Ist der chinesische Film wieder im Kommen? Zumindest hat man den Eindruck, denn nicht nur seine Anzahl war recht beeindruckend, sondern der goldene Bär für den besten Film ging an „Bairi Yanhuo“ (白日焰火, Black Coal, thin Ice ) von Diao Yinan, der silberne Bär für den besten Darsteller an Liao Fan aus demselben Film und der silberne Bär für die beste Kamera an Zeng Jian für „Tui Na“ (推拿,Blind Massage). Das ist bereits der 4. goldene Bär für einen Film aus China seit 1988.

Der Gewinner ist ein Kriminalfilm, ein „Tatort“ aus Harbin. Gemächlich entwickelt sich die Geschichte des frisch geschiedenen Polizisten Zhang, der – nach einer Verletzung in den Wachdienst versetzt und hier langsam vor die Hunde gehend, eigenmächtig die Ermittlungen aufnimmt, denn Funde von Leichenteilen erinnern ihn an einen früheren Fall. Er ist ein einsamer Wolf, der sein Ding durchzieht, instinktiv handelt, ohne Rücksicht auf andere. Eine Rolle spielt dabei die schöne und unnahbare Angestellte einer Wäscherei.

Liao Fan ist dieser Polizist, er spielt ihn nicht; oder wie seine Filmpartnerin Gwei Lunmei, die schöne Wäscherin, in einem Interwiew sagte, sie wisse nicht, ob sie Liao Fan kenne, denn während des gesamten Drehs lebte er seine Rolle.
Anklänge an Detektivfilm und Film Noir sind unübersehbar, doch die Schlagschatten fehlen. Stattdessen gibt es viele Nachtszenen und knirschendes Eis, geradezu schattenlos dehnt sich die Story. Mit seinem Bruder aus der ARD hat der Film also einiges gemein, Diao Yinan hat aber vor allem Carol Reeds „Der dritte Mann“ im Kopf gehabt. Denkt man an die Figur des vermeintlich Toten und die Riesenradszene finden sich durchaus Spuren dieses Films. Mehr sei noch nicht verraten, denn vielleicht kommt der Film ja irgendwann ins Kino. Geheimnisvoll übrigens ist auch der Filmtitel, der übersetzt soviel wie „Feuerwerk am hellichten Tage“ bedeutet und damit auf etwas nicht richtig Sichtbares bzw, etwas, das zur Unzeit stattfindet verweist. Im Film findet man den Titel in der grellen Leuchtreklame eines Klubs. Die letzte Filmszene findet in diesem Titel eine Entsprechung, als die Polizeiarbeit von einem Feuerwerk aus heiterem Himmel gestört wird. Der Berlinale-Sieger war wohl hierzulande wie auch daheim in China eine Überraschung. Dort soll er nun in einigen Monaten in die Kinos kommen.

Bei aller Unterschiedlichkeit sieht man den Filmen an, was in ihren Machern gärt, es sind oft zornige Filme künstlerisch verdichtet, von Genre bis Experiment alles drin, keine geschichtserklärenden Epen, sondern Geschichten, die nah bei ihren Figuren sind, als wollten sie in sie hineinschauen.
Eine Unzufriedenheit mit dem Zustand der Nation macht sich breit, in der Egoismus, Geld-und Machtgier den Sinn für Gerechtigkeit außer Kraft setzen, in der es keine Moral mehr gibt.
Den Filmen gemeinsam ist die Einsamkeit der Figuren, ihre Suche nach Nähe, mangelnde Kommunikation. Ihre Präsenz im Hier und Jetzt, lässt keine Zeit für Träume oder Utopien. Jeder lebt für sich allein in einem No Man’s Land, in vielen Filmen ein unwirtlicher Flecken irgendwo in China.
„Wu Ren Qu“ (无人区, No Man’s Land) hieß ein weiterer Wettbewerbsbeitrag von Ning Hao, ein in der Wüste Xinjiangs angesiedeltes xibupian, ein Western, ein Fest fürs Auge in Sepia und braun. Die harten, wortkargen Filmfiguren, die Filmmusik und sich immer aufs Neue nähernde Schritte, wobei man nur die Stiefel im Bild sah, sind eine vom Regiseur gewünschte Verbeugung vor den Italowestern Sergio Leones. Es sei ein Film über Tiere, heißt es eingangs. Wir sehen einen jungen Rechtsanwalt, dem es um’s Geld und nicht um Gerechtigkeit geht. Auf einer Dienstreise nach Xinjiang verteidigt er brutale Falkenhändler. Das Geschäft mit den Vögeln ist illegal, bringt aber eine Menge Geld ein. Auf der Rückfahrt gerät er mit zwei Lkw-Fahrern aneinander, was Auftakt einer aberwitzigen Odyssee durch die Wüste ist. Neben schweren Autos als Waffe spielt das Feuer eine große Rolle, mit dem umzugehen den Menschen aus dem Reich der Tiere erhob, so der Anwalt. Pan Xiao, mit englischem Namen Sean Pan (kein Kommentar) will deren LkW, der Benzinfässer geladen hat anzünden und wirft sein Feuerzeug darauf. Zum weiteren Figurenensemble gesellen sich die Abzocker von der Benzinstation, die ein entführtes oder gekauftes Mädchen zur Prostitution zwingen. Dieses Mädchen will um jeden Preis weg von hier und liegt irgendwann im Kofferraum des zunehmend lädiert aussehenden Anwalts. Der totgeglaubte Falkenjäger, den Pan Xiao unabsichtlich überfahren hat, ist doch nicht tot, er wird mit Benzin übergossen, aber Pan Xiao hat kein Feuer. Die Brüder aus dem Lkw tauchen auch wieder auf. Der vorherrschende zynische Grundton, den man aus Italowestern kennt, trifft sich hier mit einer irren Komik, als die Geschichte und damit die Spirale der Gewalt sich immer noch eine Umdrehung höher schraubt. Bis zum Showdown, in dem das Feuerzeug wieder eine entscheidende Rolle spielt. Ning Haos bildgewaltiger chinesischer Western ist Parabel für eine aus den Fugen geratene Gesellschaft. Der Film ist auch Beispiel für die quasi überproduzierten Filme, die einfachste Settings teuer herstellen und damit eine Glätte erreichen, die wir sonst aus Hochglanzmagazinen kennen. Der Film hatte den längsten Vorspann von mitproduzierenden Filmfirmen, deren Trailer oft eigene kleine Kunstwerke waren. Damit wurde man fast an die Tradition der Vorfilme im Kino erinnert.
Der Regisseur Ning Hao ist übrigens kein Unbekannter in Berlin: 2005 lief sein charmanter Film „Mongolian Pingpong“ im Forum, der die Reise eines mongolischen Jungen auf der Suche nach Herkunft und Funktion eines in der Steppe gefundenen Tischtennisballes erzählte.
Auch der Bär für die beste Kamera ging, wie bereits erwähnt, nach China, und zwar an Zeng Jian. Er filmte den dritten Wettbewerbsbeitrag. Regisseur Lou Ye erzählt in „Tui Na“ von einem Massagesalon in Nanjing. Die Menschen, die hier arbeiten sind sehbehindert oder ganz blind. Der Film zeigt diese solidarische Gemeinschaft auf Zeit mit ihren Geschichten und Leidenschaften, ohne zu beschönigen – wenn dabei auch zu viel Filmblut fließt. Denn die sogenannte Mainstream-Gesellschaft ist keine schöne Welt. Aber auch hier drinnen geht es heftig zu, wenn Emotionen hart aufeinandertreffen. Der Film basiert auf einem Roman von Bi Feiyu. Wie ein roter Faden durchzieht ihn die Geschichte von Ma, der als Kind bei einem Unfall sein Augenlicht verlor. Als Jugendlicher in dieser Blindenmassage arbeitend, verliebt er sich in die Freundin von Dr. Wang. Die beiden sind aus Shenzhen hierher nach Nanjing gekommen. Dr. Wang wird in unsaubere Geldgeschäfte seines Bruders involviert und versucht heroisch die Familie zu retten. Seine Freundin Kong weiß, dass ihre Eltern nie einen blinden Schwiegersohn akzeptieren und wird von Ma bedrängt, dessen Hormone verrückt spielen. Ein anderer Kollege nimmt ihn mit ins Bordell, wo er Man trifft, die sich in ihn verliebt. Am Ende gewinnt Xiao Ma durch eine Schlägerei ein bisschen Sehkraft zurück, die Blindenmassage wird geschlossen, er geht mit Man weg, ein neues Kapitel beginnt. Bemerkenswert ist tatsächlich der tastende Kamerastil Zeng Jians, der versucht, die Unschärfen der noch etwas Sehenden nachzuzeichnen, dem sehenden Kinozuschauer ein Gefühl des Tastens und Suchens zu vermitteln, bis man fokussiert: Die Filmfiguren durch Hören und Tasten, der Zuschauer im Saal durch den Gewinn an Bildschärfe.
Dieser Film ist nach „Spring Fever“ und „Mystery“ bereits die dritte Zusammenarbeit Zeng Jians mit dem Regisseur Lou Ye. Zeng Jian bebildert nicht, er übersetzt, er fügt der Geschichte mit seinen Bildern eine Dimension hinzu.

Die Frage, die in „No Man’s Land“ anklingt, was passiert, wenn man „bösen“ Menschen hilft, stellt sich auch Dante Lam in „Mo Jing“ (魔警,That Demon Within), der im Panorama lief.
Hier tragen die Gangmitglieder Dämonenmasken und die Polizisten nicht. Doch ob sie wirklich die Guten sind …? Ein junger Polizist spendet im Krankenhaus einem Schwerverletzten Blut und rettet damit dessen Leben. Doch als er erfährt, dass er einen Mörder, den Gangleader Hon gerettet hat, beginnt das Drama. Alte Wunden brechen auf, ist er gar schizophren? Wer auf welcher Seite steht ist nicht immer leicht zu verfolgen. Der Film war ein echter Dante Lam gewürzt mit etwas Küchenpsychologie: blutige Schießereien, Feuer, Explosionen und eine simple Fabel: In jedem guten Kerl steckt auch ein schlechter. Dafür wurde viel Material in die Luft gejagt.

Ein Film, der ganz ohne Exposionen auskam, dafür aber mit „weinendem Eis“ aufwartete, war der charmante Low Budget-Film „Ye“ (夜, The Night). Eine unerwartete Schönheit geht von den grobkörnigen Bildern und den warmen Farben der Nacht aus. Letztere lassen sofort an Wong Kar-wei denken. In einer schmalen, schwach beleuchteten Gasse begegnen sich drei junge Menschen. Tuberose, ein Stricher, steht Abend für Abend lange vor dem Spiegel und kleidet sich an: ein neues Hemd, Krawatte, ein zufriedener Blick, dazu die Musik von Teresa Teng, bevor er sich aufmacht in die Nacht. Er begegnet der Prostituierten Narzisse, die an seinem „Arbeitsplatz“ auftaucht. Sie umkreisen sich, flirten, suchen Nähe und tun doch so abgeklärt. Dann taucht noch Rose auf, der ein Freier von Tuberose war und auch dessen Nähe sucht. Phasenweise Annäherungen scheitern an Sprachlosigkeit und stolzer Coolness. Was bleibt ist die Einsamkeit der Chongqinger Nacht. Die fängt Zhou Hao mit einfachen, aber starken Mitteln ein: eine am Waschbecken einer öffentlichen Toilette liegen gebliebene Rose, zerlaufende Eiscreme, Alltagsgeräusche, die aus Fenstern dringen. Der erst 21-jährige Regisseur Zhou Hao spielt auch die Hauptrolle, die anderen Parts übernahmen seine Kommilitonen. Gedreht wurde nachts zwischen 20 und 23.30 Uhr, da das Wohnheim der Universität um Mitternacht schließt. „The Night“ ist ein überraschend dichter Erstlingsfilm, der beweist, dass zum Fimemachen nicht zwangsläufig ein Riesenbudget gehört.
Tuberose aus „The Night“ zieht sich in den Nebenraum eines Autotunnels zurück, wenn er nicht arbeitet, also nicht für Geld Sex hat. Hier werde er durch Beton geschützt. Den Tunnel, nicht als Zufluchtsort, sondern Tor zur Hölle beschreibt Fruit Chan in „The Midnight After“. 那夜凌晨,我坐上了旺角開往大埔的紅Van – der Vollständigkeit halber sei der chinesische Originaltitel hier genannt. Auch wenn er ungewöhnlich lang erscheint, und das witzig ist, ist der Film ein didaktischer Horrorfilm, ein Lehrstück in Sachen Moral: Ehre deine Eltern, kümmere dich um deine Kinder, nimm keine Drogen und sei nicht gewalttätig, sonst wirst du irgendwann bestraft. So erging es den Insassen eines Minibusses, der nach Durchfahrt durch einen Tunnel sich in einem ausgestorbenen Hongkong wiederfindet: War es ein Angriff von außen? Ist Fukushima Schuld? Oder gar Außerirdische, wie chiffrierte Nachrichten mit Textzeilen aus Bowies „Major Tom“ nahelegen? Sind sie tot oder die anderen? Der wilde Mix aus plötzlichen Todesfällen, gegenseitigen Verdächtigungen, mysteriösen Beobachtungen, Nekrophilie und Horrorelementen ist ein zeitraubender wirrer Albtraum.

Ebenfalls ein Albtraum und einer der schonungslosesten und besten Filme war
Zhao Dayongs „Gui Rizi“ (鬼日子, Shadow Days). Renwei flieht vor einem früheren Leben ins Dorf seiner Kindheit. Bei ihm ist seine im 5. Monat schwangere Freundin. Der Bürgermeister ist sein Onkel und Renwei hilft ihm bei der Durchsetzung der Ein-Kind-Politik. Schließlich setzt der Onkel die auch bei ihm durch und Renweis Freundin stirbt. Die Geister, die man rief, wird man nicht mehr los. Es wird nicht viel geredet in dem Film, jeder macht seine Arbeit, hofft, irgendwie durchzukommen, kein Nachdenken und keine Verantwortung. Ein Film, als ob die Zeit stehen geblieben ist. Die Kamera nimmt sich Zeit, Räume und Gesichter zu erkunden, tastet sich vor ins Halbdunkel, ins Reich der Geister: Geister der ermordeten Babys, Geister, die ein Schamane austreiben will, als der Bürgermeister plötzlich erkrankt. Nach dem Motto viel hilft viel, lässt er auch den Pfarrer vorbeischauen und die buddhistische Gebetskette rinnt unaufhörlich durch seine Finger. Selbst sein Gebet zu Mao wird nicht erhört. Am auffälligsten ist der Kontrast zwischen der klaren üppigen Berglandschaft und der Abwesenheit jeglicher Schönheit im Dorf. Es besteht aus zerfallenden Betonbauten der Mao-Ära. Ein trostloser Anblick mit trostlosen Menschen darin. Er lebe in einem Land ohne Glauben, so der Regisseur Zhao Dayong, und das habe er mit künstlerischen Mitteln zu zeigen versucht. Ein toller Film. Danach aber will man auf gar keinen Fall in dieses Land fahren.

„Baimi Zhadanke“ (白米炸弹客, The Ricebomber) erzählt die wahre Geschichte von Yang Rumen nach. Yang wollte, um die Zeit des WTO-Beitritts von Taiwan (2002), auf die bedrohte Lage der Bauern aufmerksam machen. Reis wurde zunehmend importiert und ihr Land wurde als Bauland veräußert, so dass viele lokale Produzenten ihre Existenzgrundlage verloren. Aber niemand hörte ihm zu, las seine Leserbriefe und Petitionen. Das erinnert ein bisschen an Jia Zhangkes „Helden“ aus „A Touch of Sin“ (siehe S. 32 in diesem Heft) Er habe lange nach dem Jianghu gesucht, nach jenem mysteriösen Ort, an dem sich die Kämpfer gegen Ungerechtigkeit sammeln. Er habe schließlich entdeckt, dass dieses Land der Flüsse und Seen sich inmitten unserer Gesellschaft befinde, erzählt der Ricebomber in Voice-over. Er wurde zum einsamen Krieger, der mit Reis gefüllte Bomben baute, nicht um zu töten, sondern um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, um auf die verfehlte Agrarpolitik Taiwans hinzuweisen. Und da er das Jianghu in der Gesellschaft verortet, stellt er sich auch dieser und zeigt sich am Ende selbst bei der Polizei an. Der wirkliche Yang Rumen wurde 2005 wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit angeklagt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Die Schriftstellerin Wu Yinning führte während seiner Haftzeit einen Briefwechsel mit ihm, auf dessen Grundlage seine Biografie „Reis ist keine Bombe“ erschien. Dieses Buch, so erzählte die Regisseurin Cho Li, diente wiederum als Vorlage für das Biopic. Von den Kindheitstagen bei seinen Großeltern auf dem Land, über den Militärdienst, wo er sich Erniedrigungen irgendwann nicht mehr gefallen lässt, berichtet der Film von Yang Rumens Werdegang zum Aktivisten. Zwei entscheidende Begegnungen geraten dabei allzu schwarz-weiß: Da ist die Freundin aus Kindheitstagen. Sie stammt aus reichem Hause, flirtet mit Revolution und Selbstmord und rebelliert gegen ihren opportunistischen Politikervater. Dann begegnet Yang Rumen einem Jungen, der zunächst sein Konkurrent ist, weil er am gleichen Platz wie er Getränke und Obst verkauft. Yang erfährt, dass der sich und seine Geschwister ohne jegliche Hilfe von Erwachsenen oder von Seiten der Gesellschaft durchbringt und freundet sich mit ihm an. Der Film zerfasert ein wenig, als hätte er Angst vor der Kraft seiner Geschichte und wirkt dadurch distanziert. Wie in einem Dokudrama verankert die Regisseurin das dramatische Potential ihres geradezu romanhaften Helden durch retardierende Szenen und Tatsachenberichte immer wieder in der Realität.

Eine Stärke des Films war es immer auf Erscheinungen jenseits der Berichterstattung aufmerksam zu machen. Der Film „Bing Du“ (冰毒, Ice Poison) wendet sich der Lage von Bauern zu, die als Angehörige der chinesischen Minderheit in Myanmar leben. Auch sie können, wie von Cho Li für die Bauern Taiwans beschrieben, von ihrer Hände Arbeit nicht leben.
Ein Vater möchte seinem Sohn ein Moped kaufen, damit der als Mopedtaxifahrer in der Stadt ein bisschen Geld verdient. Dafür muss er seine einzige, geliebte Kuh verpfänden. Doch auch unter den Mopedtaxifahrern herrscht große Konkurrenz und es ist nicht einfach, hier sein Auskommen zu finden. Der Bauernsohn lässt sich schließlich überreden, eine junge Frau zu fahren, die als Drogenkurierin arbeitet. Es entwickelt sich zwischen den beiden eine zarte Freundschaft, in stillen intimen Momenten, wenn sie Ice inhalieren und vielleicht von der großen Welt träumen. Doch der Traum zerplatzt. Die junge Frau wird geschnappt und der Mopedtaxifahrer macht sich aus dem Staub. Das große Geld hat er nicht gemacht, die verpfändete Kuh wird dem Schlachter übergeben. Minutenlang erleben wir die qualvolle Prozedur des Schlachtens. Der Regisseur Midi Z stammt selbst aus Myanmar und lebt heute in Taiwan. In langsamen, sehr direkten Bildern und mit wenig Dialogen beleuchtet er ein hierzulande fast unbekanntes Filmland.

Ganz entschleunigt und auf kleinste Veränderungen gestoßen, die in einer schnellebigen und bilderüberfluteten Welt kaum noch wahrgenommen werden, wurde der Zuschauer von Altmeister Tsai Mingliangs Experiment „Xi You“ (西游, Journey to the West). Der Film ist schon der 5. seiner Walking-Serie, in der sich ein von Lee Kang-sheng gespielter Mönch in Zeitlupengeschwindigkeit durch Marseille bewegt. Der felsige Strand, dunkle Ecken, Spiegelungen, irgendwo in der Stadt. Passanten kreuzen seinen Weg, bleiben stehen, fragen sich und andere, was das soll, wieder andere hasten nur vorbei. Im Kinosessel fürchtet man, jemand könnte den Mönch anstoßen, und aus dem Gleichgewicht bringen. Am Ende hat er einen Mitgeher gefunden, in gebührendem Abstand und ebenso in Zeitlupe folgt ihm ein Tagträumer, gespielt von Denis Lavant, dessen liegendes Gesicht die erste vierminütige Einstellung bildete. Ein Experiment der Gelassenheit aus Taiwan, das umso erstaunlicher war, als dass die 56 Minuten Filmzeit wie im Flug vergingen.

Was bleibt, ist der Eindruck eines Wandels hin zu cinematografischen Handschriften, die mit Genres spielen, sich klar zu Vorbildern bekennen und so sich Vorgefundenes anverwandeln. Nun ist ein Filmfestival auch immer Ausnahmesituation in vielerlei Hinsicht, darum darf man gespannt bleiben, ob sich dieser Eindruck des Aufbruchs bestätigt.

(in: das neue China 1/2014)