Die Zeiten ändern sich / weil das Muster seines Fells / von unbekannter Herkunft ist / wird der Tiger verhaftet (Yu Jian)

„Poesie in die Stadt“ ist ein Projekt, das in diesem Jahr mittlerweile zum zehnten Mal stattfindet. Initiiert vom Netzwerk der Literaturhäuser gemeinsam mit der Robert Bosch-Stiftung wurden im Sommer als Vorgeschmack auf den diesjährigen Ehrengast der Frankfurter Buchmesse chinesische Verse in elf Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz plakatiert. Fast sperrig schieben sie sich in den Stadtraum, die Schrift selbst wird zur Stadt, Fluchten und Perspektiven verführen, schwarz und rot, deutsch-chinesische Banner.
Kurator der Aktion ist der in Beijing lebende Lyriker Xi Chuan. Übersetzt wurden die Gedichte von Marc Hermann und Raffael Keller.
Auszüge aus Gedichten von sechs Autoren kann man auf den Plakaten entdecken. Ja, es handelt sich lediglich um Auszüge, da die chinesische Gegenwartslyrik eher die große Form bevorzugt. Wer dennoch Lust auf das Gedicht in voller Länge hat, kann sich auf www.literaturhaus.net umsehen oder muss sich bis zur Buchmesse gedulden. Dann nämlich wird das Hörbuch “Schmetterlinge auf der Windschutzscheibe” beim Berliner Label Fly Fast erscheinen. Der Titel ist einem Prosagedicht Xi Chuans entliehen.
Xi Chuans Auswahl chinesischer Gegenwartslyrik wird hier auf Deutsch von bekannten Schauspielern wie Sophie Rois, Hanns Zischler oder Sebastian Koch gesprochen. Ergänzt wird die CD von einem zweisprachigen Booklet, welches die Gedichte und deren Autoren vorstellt, sowie einen Essay zum aktuellen Stand der chinesischen Lyrik enthält.
Xi Chuan gehört, so wie die meisten der von ihm ausgewählten Autoren, der sogenannten posthermetischen Dichtung an, deren Autoren sich seit Mitte der achtziger Jahre in sehr individuellen Schreibweisen der Wirklichkeit zuwenden. Aber was sagt so ein Begriff? Von der „3. Generation“ bis zur „Unterleibspoesie“ ist irgendwie alles posthermetisch. Und so zeigt sich auch in dieser Lyrikauswahl die Schwierigkeit, einen stimmigen Begriff für so verschiedene Schreibweisen zu finden. Die Namen und Labels versuchen von außen zu fassen, was längst schon durch Risse weiter wächst und gedeiht. Xi Chuan zeigt eine ganz andere Herangehensweise. Er unterscheidet drei Gruppen von Lyrik: die im klassischen Stil geschriebene, den Mainstream und die nicht offizielle Dichtung. Von der sogen. xiao zazhi chuantong wurde Xi Chuans Auswahl bestimmt, davon, dass die Gedichte in einer der zahlreichen nichtoffiziellen Literaturzeitschriften veröffentlicht wurden. Neben bekannteren Autoren wie Zhai Yongming, Yu Jian, Xiao Kaiyu oder Xi Chuan selbst, finden sich in der Auswahl Chang Yao, Yang Jun, von dem das Gedicht in vorliegender dnC-Ausgabe stammt, und Yin Lichuan.
Chang Yao (1936 – 2000) begann bereits in den fünfziger Jahren zu schreiben. Nach der Kulturrevolution gehörte er zu den sogen. „Rückkehrern“, die die Würde des Menschen und der Dichtung wiederherstellen wollten. In China gehört er längst zu den allgemein anerkannten Dichtern, auch wenn er bei uns nahezu unbekannt ist.
Yang Jun und Yin Lichuan, beide Jahrgang 1973, gehören einer Generation an, die sich selbstbewusst und genreübergreifend Gehör verschafft. In einem Zeit-Artikel aus dem Jahr 2005 wurde Yin Lichuan als Bannerträgerin einer neuen Pekinger Intellektuellengeneration bezeichnet. Als Vertreterin der „Unterleibspoesie“ wurde sie zum Sexsymbol der neuen Literaturszene ausgerufen, weil sie als junge Frau über körperliche Liebe schrieb. Und um Poesie ganz direkt zu machen veröffentlichte sie im Internet. Yin Lichuan ist Autorin, Lyrikerin und Filmemacherin. Ihr jüngster Film “Niulang zhinü” (Knitting / Portrait de Femmes Chinoises) wurde 2008 auf dem Filmfestival Cannes vorgestellt.
Yan Jun ist Musiker und Lyriker. Seit 1999 lebt er in Beijing und wurde hier zu einer zentralen Figur der inoffiziellen Musikszene. Seine Lesungen werden zu dreidimensionalen Erlebnissen, wie Maghiel van Crevel anlässlich einer Lesung im Jahr 2003 beschrieb. Yan Jun liest seine Gedichte mit visuell-akustischer Begleitung und man kann sich gut vorstellen, dass diese direkten und widerspenstigen Zeilen voller Anspielungen auf Realitäten und Absurditäten so ihre ganze Kraft entfalten. Vielleicht wurde alles schon einmal gesagt. Es ist das Wie, das klingt und aufhorchen lässt. “Glaubt an die Unermesslichkeit der Liebe und anderer Gebrauchsartikel. Die Welt gehört euch.”

 

(in: dnC 3/2009)