masterplan 4.vorschau .inddMade in China begegnet einem längst nicht mehr nur als Billigware, Busse fahren mit Huawei-Werbung durch die Stadt und während ich bei Rossmann an der Kasse stehe und die Bezahlsymbole betrachte, fällt mein Blick auf Alipay. Aber noch ist mein deutsches Bankkonto nicht mit dem Bezahldienst verknüpft. Eine Alternative Made in Germany? Nicht in Sicht, aber Eile ist geboten. Der Bundespräsident widmete nicht nur zum Spaß seine Reise im Dezember 2018 dem Thema der künstlichen Intelligenz

Stephan Scheuer, Autor von „Der Masterplan. Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft“ lässt keinen Zweifel, dass die Digitalwirtschaft die Schlüsselbranche unserer Zukunft ist und befürchtet, dass China und Amerika in diesem Bereich das Rennen unter sich bestreiten. Auch die Bundeskanzlerin sah das auf dem Weltwirtschaftsforum 2018 so: „Die Gefahr, dass wir zu langsam sind, dass die Welt über uns hinwegrollt, derweil wir philosophisch über die Frage der Datensouveränität debattieren, ist groß.“ Aber eine Strategie, dem entgegen zu wirken gibt es nicht. Hoffentlich gelingt es Stephan Scheuer mit seinem Buch „Der Masterplan“ gegen die vorherrschende Ignoranz anzuschreiben und hoffentlich erreicht er nicht nur jene, die sich ohnehin für China interessieren und seine Entwicklung verfolgen.

Gleich am Anfang muss gesagt werden, es liest sich spannend, weil hier kompakt eine atemberaubende Entwicklung beschrieben wird. In acht Kapiteln schildert Autor den rasanten Aufstieg der chinesischen Digitalwirtschaft. Im Fokus stehen Alibaba, Tencent und Baidu und deren Gründer Jack Ma, Pony Ma und Robin Li, Unternehmen, die längst mehr als nur online-Verkaufsplattform, Mikronachrichtendienst oder Suchmaschine sind. Sie versuchen möglichst viele Anwendungen aus einer Hand anzubieten: da wären Bezahldienste, Entwicklung autonomen Fahrens, Buchungsdienste für Kinokarten, Taxi oder Reisen – Hauptsache bequem und preiswert. Aber ihre Ideen „werfen auch elementare Fragen über die Sicherheit unserer Daten und die Bedeutung von Landesgrenzen in der digitalen Welt auf“, zumal sie schon jetzt über Landesgrenzen hinweg agieren. Die Lektüre macht die Unterschiede zwischen China und dem Westen deutlich: „Der deutsche Begriff Industrie 4.0 ist für die Chinesen ein Leitgedanke.“ Hier steht er eher für eine Absichtserklärung. China denkt strategisch langfristig, statt auf den schnellen Profit zu setzten. Dass mit Millionen von Nutzerdaten bezahlt wird, ermöglicht erst die Erforschung und Entwicklung neuer Algorhitmen. Der chinesische Staat schuf durch seine Firewall nicht nur günstige Voraussetzungen dieser Entwicklungen, er ist in höchstem Maße an ihnen interessiert und beteiligt. Natürlich alles nur im Interesse von Ordnung und Sicherheit seiner Bürger. Doch es ist nur ein schmaler Grad zwischen Verbesserung des Lebens und Überwachung der Bürger.

Rund um die sich schnell entwickelnde Branche ist vieles in Bewegung. Der Handyhersteller Huawei ist gerade wieder auf allen Nachrichtenkanälen. Schon seit Jahren warnen die USA, dass das Unternehmen direkte Kontakte zur chinesischen Regierung unterhalte. Aber dem Unternehmen, welches als Telekom-Partner den Ausbau des deutschen 5G-Netzes vorantreiben soll, konnte bisher nichts nachgewiesen werden. Doch wie schrieb Scheuer an anderer Stelle? Eine ganze Managergeneration sei mit dem Prinzip unter keinen Umständen mit einer eigenen politischen Meinung aufzufallen, aufgewachsen. Denn ohne die Partei ginge nichts in China. Deshalb müssten sich die Unternehmer gut mit den Führungskadern in Peking und den Entscheidern auf Provinzebene stellen.

Wie bei jeder Erfindung steht die Dürrenmattsche Frage im Raum, was wird, wenn sie in falsche Hände gerät. Aber auch in China denkt man über ethische Grenzen des Einsatzes der neuen Technologien nach. Der Traum, dass die chinesische wirtschaftliche Entwicklung das Land gesellschaftlich dem unseren ähnlicher mache, hat sich nicht erfüllt. Nun gilt es damit umzugehen. Stefan Scheuers Buch beschreibt dazu die digitalwirtschaftliche Ausgangslage, nicht mehr und nicht weniger.

 

Stephan Scheuer: Der Masterplan. Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft, 224 Seiten, Herder, Berlin 2018, €22.