Taiwan CinemaZugegeben: Der Titel ist von Rudolf Thome geliehen, aber passt auch zu diesem Buch. Der Essay-Band untersucht die jüngsten Veränderungen in der Rezeption von Filmen aus Taiwan. Dreh-und Angelpunkt ist dabei der riesige Erfolg der Filme Wei Te-shengs (魏德圣). Im Westen fanden Cape Number 7 (海角七号,2008), Warriors of the Rainbow: Seediq Bale (赛德克巴莱,2011) oder der von Wei produzierte Kano (2014) kaum Beachtung. Sie widmen sich explizit Episoden aus der Geschichte Taiwans. Die einem europäischen Publikum wenig vertrauten Inhalte müssen meist dafür herhalten, dass seine Filme nicht gezeigt werden. Dabei lässt sich mit Filmen die Geschichte eines Landes vorzüglich studieren. Seediq Bale hatte aber bei seiner Venedig-Premiere auch aus ästhetischen Gründen wenig Erfolg, wie die Kritiken zeigten.

Der erste Teil des Bandes widmet sich der internationalen Rezeption von FilmenMade in Taiwan“ und der Erschaffung dieser Marke durch internationale Filmfestivals, gefolgt von Beobachtungen zu sozialen Veränderungen am Beispiel der Filme Wei-Te-shengs und schließlich einem Interview mit dem Filmemacher im abschließenden Teil.

In der Diskussion über die künftige Ausrichtung von Filmfestivals liefert dieser Band einige Denkanstöße. Dabei widmet er sich exklusiv dem Filmland Taiwan. Spätestens mit Vergabe des Goldenen Löwen an Hou Hsiao-hsien (侯孝贤im Folgenden HHH) 1989 wurden taiwanische Filme auch im eigenen Land zunehmend geschätzt. Filmemacher wie HHH oder Tsai Ming-liang (蔡明亮) sind seitdem Dauergäste auf internationalen Festivals und die Marke „Nationales Kino aus Taiwan“ wurde etabliert.

Auf der anderen Seite steht die Klage über immer weniger festivaltaugliche Filme aus Asien und insbesondere die Kommerzialisierung des chinesischsprachigen Films. Warum das so ist und wie sich internationale Festivals diesem Trend gegenüber verhalten verspricht das Buch Taiwan Cinema. International Reception and Social Change zu untersuchen.

Am Beispiel Venedig beschreibt Elena Pollacchi den Wechsel im Fokus europäischer Filmfestivals, weg von der Neuentdeckung filmischer Talente hin zu mehr marktorientierten Aktivitäten. Auch die Europäer haben Hollywood und China als die wichtigsten Filmmärkte verstärkt im Blick. Für Taiwan als kleines Land ist es darum umso wichtiger auf Festivals präsent zu sein, denn das bedeutet Prestige und die Möglichkeit, den Film im Anschluss besser vermarkten zu können. Bei der Programmierung von Filmen aus Taiwan spielt jedoch seine geopolitische Situation noch eine besondere Rolle: Aufgrund politischer Einflussnahmen mussten Festivals taiwanische Filme unter immer wieder anderen Länderbezeichnungen programmieren. Es wird die Frage gestellt, ob das bei den zunehmend internationalen Filmproduktionen noch angebracht sei, oder wie man anders dieses Problem umgehen könne. Generell gerät das Selbstverständnis der klassischen Filmfestivals in Bewegung: Inwiefern müssen sie denn heute auch marktwirtschaftliche und geopolitische Tendenzen widerspiegeln?

Den Weg HHHs vom unbekannten taiwanischen Regisseur zum ständigen Festivalgast, der schließlich international arbeitete, wobei er immer bei sich selbst blieb und als authentisch galt, beschreibt Valentina Vitali. Aber auch filmische Machtkonstellationen verändern sich merklich und zwischen dem Erfolg von City of Sadness (悲情城市, 1989) und der Einladung Seediq Bales liegen nicht nur mehr als 20 Jahre, sondern auch der wachsende Einfluss des Hollywood Modells auf Filme und Publikum. Es erscheint fast paradox, wenn die Autorin Wei Te-sheng rät, sich davon fernzuhalten, um seine eigenen Filme drehen zu können. Sie schreibt ihm damit Auteur-Qualitäten zu, gegen die alle zitierten Kritiken sprechen.

Aber was ist nun das Geheimnis seines Erfolges in Taiwan? Es waren Filme zur rechten Zeit, die den Nerv des Publikums trafen. Zufall? Von verschiedenen Seiten beleuchten die Autoren das Phänomen und können es doch nicht fassen. Chris Berry geht dem Japan-Komplex nach. Das Thema ist in allen Filmen Weis vorhanden. Damit knüpfen sie thematisch einerseits an das Taiwan New Cinema an, andererseits ist das Thema nicht typisch für kommerzielle Filme. Und darüber hinaus ist die Abwesenheit Chinas in den Filmen auffällig. Damit fallen sie in einer Zeit, da sich in Umfragen immer mehr Menschen als Taiwaner, denn Chinesen fühlen, auf fruchtbaren Boden. Am Beispiel von Kano wird die Rolle des Sports als Beitrag zur Bildung nationaler Identität untersucht. (Ping-hui Liao) Und schließlich geht es immer wieder auch um das Verhältnis von Geschichtsschreibung und Historienfilm. Was leistet er, was kann er bewirken? Lange Erörterungen über den Unterschied zwischen beiden, der den meisten Kinogängern vertraut sein dürfte, wirken leider retardierend. R.A. Rosenstone schlägt den Bogen zu früheren, oralen Formen der Geschichtserzählung, die den Historienfilmen näher stehen, als die Arbeiten des Historikers, der sich streng an überlieferte Quellen hält. Und nicht zu vergessen: Diese historischen Geschichten ziehen den Zuschauer in ihren Bann, ihre Bilder bleiben im Gedächnis.

Auch wenn das Buch letztendlich den Erfolg der Filme Wei Te–shengs nicht erklären kann oder will, beschreibt es – wenn auch unfreiwillig – die größer werdende Lücke zwischen akademischer Beschäftigung mit Film und Mainstream. Es ist der Versuch einer perspektivreichen Annäherung an dieses Gefüge in teils heftiger Bewegung, das Kino „Made in Taiwan“.

Taiwan Cinema. International Reception and Social Change, edited by Kuei-fen Chiu, Ming-yeh Rawnsley, Gary Rawnsley, London 2017, 246 pages.