kekexiliEs sind durchaus nicht alle Filme eines Festivals, deren Bilder lange im Gedächnis bleiben. Seit der Berlinale 2005 sind einige Monate ins Land gegangen und ich will mich an dieser Stelle an zwei von ihnen erinnern, zwei Filme, die damals zu meinen Favoriten zählten und die bis heute nichts von ihrer Präsenz eingebüßt haben: Niu pi (Oxhide) und Kekexili (The Mountain Patrol). So unterschiedlich beide Filme auf den ersten Blick sind, lassen sich bei näherer Betrachtung immer mehr Ähnlichkeiten finden, und das v.a.in formaler Hinsicht. Beide Filme gehören zur Spezies der dokumentarischen Spielfilme: es gibt ein Drehbuch, aber die Filme spielen mit dem Genre des Dokumentarfilms. Sie nutzen das gewachsene Interesse an der Aufzeichnung des chinesischen Alltags und sind doch Spielfilme, deren Rollen sich am wirklichen Leben orientieren. Damit nicht genug, werden die Rollen oftmals von Schauspiellaien übernommen bzw. von den Rollenvorbildern selbst.

Niu Pi, der Debutfilm von Liu Jiayin, schildert in 23 Bildern den Alltag ihrer Familie. Der Titel des Films, Niu Pi – Rindsleder, verweist auf den Beruf des Vaters. Er stellt Handtaschen aus Rindsleder her. Die Wohnung ist seine Manufaktur. Früher war das Geschäft einträglich und sicherte den Lebensunterhalt der Familie. Heute aber ist der Umsatzrückgang bedrohlich. Die Mutter geht ihm zur Hand und berät ihn, doch die Taschen sind ihr nicht modern genug und die Führung des Ein-Mann-Unternehmens viel zu defensiv. So kommt es dann häufig zu Streitereien, in deren Verlauf der Vater sich als meist beratungsresistent erweist. Schließlich wird schweigsam weitergearbeitet. Dem dicken Fell des Vaters, der sich nicht verbiegen lässt und nicht jeder Mode hinterherläuft ist wohl ein zweiter Titelverweis geschuldet.
23 Einstellungen, 110 Minuten, die Aufnahmen sind alle angeschnitten. So teilt sich die Enge der Wohnung mit. Als Zuschauer möchte man die Kamera immer ein paar Meter zurücksetzen. Aber das geht nicht, kein Platz.
Die erste, endlos lang erscheinende Einstellung zeigt einen Drucker, d.h. man hört ihn mehr. Denn in der Draufsicht auf den Schreibtisch ist er als solcher zunächst nicht sofort zu erkennen. Auf ebenjenem Drucker basteln Vater und Tochter gerade Sonderangebotsflyer. Man hört ihre Stimmen und sieht, wie irgendwann der bedruckte Flyer aus dem Drucker kriecht. Diese erste Szene gibt den Rhythmus und die Atmosphäre des gesamten Films vor. Weder von Musik zugekleistert noch durch hektische Schnitte oder Einstellungswechsel in ihrer Ruhe gestört, erinnern die Bilder manchmal an Sequenzen eines Fassbinder oder Godard, in denen für heutige Verhältnisse unendlich viel Zeit ist, quasi nichts passiert.
Das Leben im Film spielt sich vor allem in den eigenen vier Wänden ab. Lediglich Eisenbahngeräusche dringen von außen in die Wohnung. Fast entschuldigend erzählt Liu Jiayin danach befragt, dass die Wohnung an der Eisenbahnstrecke liege. Und sie sagt noch, dass sie diesen Film machen musste, aus Dankbarkeit für ihre Eltern, um das Leben, so wie es war für einen Moment festzuhalten. „Der Film zeigt meine Familie aus meiner Sicht: die Enge, das Depressive, das Schummerige und die Wärme. Niemand außer uns dreien ist im Bild.“
Liu Jiayin zeichnet für Regie, Drehbuch und Kamera dieser No-Budget-Produktion verantwortlich, die in 40 Tagen abgedreht wurde. Sie hat einen kompromisslosen und entwaffnend ehrlichen Film gedreht. Des Lobes voll zeigten sich auch Kritiker und Zuschauer in Berlin. Darum gab es für Niu Pi den Caligari-Filmpreis für einen stilistisch und thematisch innovativen Film des Internationalen Forums sowie den FIPRESCI-Preis, den Preis des Verbandes der Internationalen Filmkritik.

Der zweite Film, über den ich berichten will, zeigt unendliche Landschaften des Hoh-Xil-Gebirges im Westen Chinas. Er führt den Zuschauer zwar raus aus der räumlichen Enge, aber hin zu einer existenziellen Bedrohung. Kekexili, so heißt das Hoh-Xil-Gebirge auf Chinesisch, ist bereits der zweite Film Lu Chuans. Sein erster, 2002 gedrehter Film Xun qiang (Missing Gun), ist die Geschichte eines Dorfpolizisten, der seine Pistole nach einer durchzechten Hochzeitsfeier vermisst. Der Polizist wurde von Jiang Wen gespielt. Man spekulierte viel über dessen Einfluss auf den Film. Und natürlich fragten sich viele wie denn das ginge, einen Debutfilm mit so einem Hauptdarsteller und Geld von Columbia Asia zu drehen.
Columbia ist auch diesmal wieder mit im Boot und investierte 1,2 Mio US Dollar. Lu Chuan war durch Zeitungsberichte auf die dramatische Reduzierung des Bestandes der Tibetantilope gestoßen und darauf, dass in den Jahren 1993 bis 1996 eine freiwillige Gebirgspatrouille versuchte, den illegalen Jägern das Handwerk zu legen.
Ga Yu, seines Zeichens Journalist aus Beijing, fährt ins Hoh Xil-Gebirge, um Material für eine Reportage über die Gebirgspatrouille und den Tod eines ihrer Mitglieder zu sammeln. Orte und Personen werden knapp ins Bild gerückt: das tibetische Dorf, das Begräbnis eines ermordeten Wildhüters, Gebetsmühlen, Abschiede. Vom Beobachter, der rein berufliche Interessen verfolgt, bis zur Reise mit der eingeschworenen Schutztruppe, sind sich der Film und die Geschichte seiner Entstehung sehr ähnlich.
Auf dieser Reise erlebt der Zuschauer mit dem Journalisten Ga Yu gemeinsam eine atemberaubende Landschaft 5000 Meter ü.d.M., deren Schönheit über die harten Existenzbedingungen hinwegtäuscht. So ist die Truppe wochen- wenn nicht monatelang in diesem größten unbewohnten Territorium Chinas unterwegs. Eine Autopanne kann da schon den Tod bedeuten. Da die Patrouille nicht vom Staat unterstützt wurde, aber Geld für Autos, Benzin, Waffen und Nahrungsmittel benötigte, musste sie selbst ab- und zu konfiszierte Felle auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Kekexili ist kein Öko-Western über Tierschutz in China, sondern ein Drama über das fragile Gleichgewicht Mensch-Natur. „Ich wollte einen Film über das Überleben machen und das Geschehen auch von der anderen Seite betrachten“, sagt Lu Chuan.
Die andere Seite, die illegalen Jäger, das sind tibetische Bauern und Hirten, deren unfruchtbares Land sie nicht mehr ernährt, und für die die Jagd auf die Tibetantilope die einzige Einnahmequelle ist. Der Kampf ums Überseben, der Kampf von Naturschützern und Jägern, sowie ihr Kampf gegeneinander ist von Pragmatismus gelenkt und er ist zunehmend unbarmherzig. Wenn die Patrouille beispielsweise die festgenommenen Jäger aus Benzinmangel nicht bis zur nächsten Ortschaft bringen kann, lässt sie sie laufen, wohlwissend, es sind 50 bis 100 km durch den Schneesturm bis zur nächsten Ortschaft. Die Gewissenskonflikte der selbsternannten Schutztruppe spielen mit. Es gibt hier kein Gut und Böse, es geht um die reine Existenz.
Gedreht hat Lu Chuan on location und 5000 Höhenmeter stellten auch für die Filmcrew eine existenzielle Grenzerfahrung dar. Mit Ausnahme der Darsteller des Journalisten (Zhang Lei) und Roghtes oder chinesisch Ritai, des Anführers der Schutztruppe (Duo Bujie), sind alle anderen Darsteller Schauspiel-Laien. Im Abspann erfahren wir, dass die freiwillige Gebirgspatrouille 1996 aufgelöst wurde und an ihre Stelle eine staatliche Schutztruppe des Naturreservates Kekexili trat.
Mit Kekexili ist Lu Chuan ein kleines Meisterwek gelungen, er hat sich freigeschwommen.

Diese zwei Filme sind ein Beispiel mehr für die Lebendigkeit der chinesischen Filmszene. Zudem erscheinen sie als die logische Weiterentwicklung und Verschmelzung zweier Trends: 1. ist bereits seit den 90er Jahren im chinesischen Film der Trend zum Realismus und das heißt hier zu mehr Authentizität im Spielfilm zu verzeichnen, gleichzeitig kann man 2.von einer Blüte des chinesischen Dokumentarfilms sprechen. DieVerschmelzung dieser beiden im sogen. dokumentarischen Spielfilm, seine Kompromisslosigkeit und Frische macht weiterhin neugierig auf den Regienachwuchs aus China.

 

(in: dnC 3/2005)

Keine Kompromisse – Zwei dokumentarische Spielfilme aus China (Berlinale 2005)