1474362696742Im Herbst 2016 erschien das erste Heft einer neuen, dem Kino in Asien gewidmeten Zeitschrift: NANG. Nang ist das griffige thailändische Wort für Film. Nang möchte weder Hochglanzfilmmagazin noch akademische Filmzeitschrift sein. Ein Interview mit dem Herausgeber Davide Cazzaro:

Was ist die Idee hinter NANG?

NANG entspringt meiner Leidenschaft für das Kino Asiens und der für’s Publizieren. Während meiner Studienzeit in London kam ich mit dem Publizieren in Berührung und seitdem kann ich an nichts anderes mehr denken. 2014 und 2015 arbeitete ich für das Busan International Film Festival und koordinierte die Publikation von Büchern und Katalogen. Ich liebe Zeitschriften und wollte mit der Form und dem Format einer Zeitschrift spielen und ein Kinomagazin entwickeln, was frei von den herkömmlichen Inhalten von Kinozeitschriften ist, also News, Filmbesprechungen, Empfehlungen etc.

Über aktuelle Entwicklungen und Trends im Kino Asiens zu informieren, könnte eine zweimal jährlich erscheinende Zeitschrift auch gar nicht leisten.

Was ist denn das Spannende am asiatischen Kino?

Der Reichtum der Geschichten und Stimmen. Viele Geschichten aus dieser Region sind aufgrund sozialer, politischer, kultureller oder finanzieller Beschränkungen bisher nicht erzählt. Sie kommen erst in letzter Zeit an die Öffentlichkeit. Damit meine ich, seit den letzten 15 bis 20 Jahren. In post-autoritären Ländern wie Indonesien oder Süd-Korea beispielsweise übernahm eine neue Generation von Filmemachern das Ruder. Und auch die sogenannte Digital-Video-Generation in China sollte nicht vergessen werden.

Oder betrachten wir das 2009 entstandene malaysische Kurzfilmprojekt „15Malaysia“ (http://15malaysia.com/films), das sich Themen wie Sex, Politik, Ethnizität zuwendet, die früher nicht behandelt wurden, weil sie unter die offizielle Zensur fielen. Der Film versammelt viele neue Stimmen des malaysischen Kinos, die erst mit Etablierung eines Non-Mainstream Kinos bekannt wurden.

Malaysia ist ein interessantes Beispiel, weil es dort keine einschneidenden Veränderungen in der Filmpolitik oder Zensurpolitik gab. In der ersten Dekade des neuen Jahrtausends nahmen Non-Mainstream-Filmemacher die Dinge in ihre eigenen Hände: sie drehten ohne Genehmigung und die Filme kursierten außerhalb der Kinos, wurden in informellen Zirkeln gezeigt. „15Malaysia“ wurde online gestellt, um die Zensur zu umgehen.

Was genau meinen Sie mit Non-Mainstream?

Non-Mainstream beziehe ich auf jene Filme, deren Macher die Kontrolle von der Produktion bis hin zum Verleih haben. In China spricht man oft von offiziell und inoffiziell, aber Non-Mainstream heißt nicht unbedingt inoffiziell. Mainstream und Non-Mainstream stehen nicht in so strenger Opposition, sondern co-existieren eher und es gibt auch spannende Überschneidungen der beiden. Mir fällt da Liew Seng Tats Men who Save the World (Malaysia 2014) ein. Der Film spielt in einem Dorf und dreht sich um den Brauch, dass die Bewohner gemeinsam im Falle eines Umzugs ein ganzes Haus versetzen. Der Filmemacher kommt aus dem Non-Mainstream und der Film trägt eindeutig seine Handschrift wie das Spiel mit Ironie und Genres. Zugleich aber erreichte er ein größeres Publikum durch die Kinoauswertung. Finanziert wurde der Film aus staatlichen, sowie privaten Geldern und Zuschüssen internationaler Festivals.

Was gab den Anstoß mit wechselnden Herausgebern zu arbeiten?

Glücklicherweise ist die Ära, in der ein Einzelner behaupten konnte, sämtliches Wissen über ein Land oder gar eine Region zu besitzen, vorüber. Hätte ich versucht, alles selbst zu machen, wäre NANG viel ärmer und kleiner geworden. Ich wollte die kollektive Zusammenarbeit, die in jeder guten Zeitschrift steckt, weiterdenken, indem ich mit Gast-Herausgebern arbeite. Jeder von ihnen hat seinen persönlichen Zugang zum asiatischen Kino.

Ben Slater, Herausgeber des ersten Heftes zum Thema Drehbuchschreiben, ist ein britischer Filmkritiker, Herausgeber und Drehbuchautor, der in Singapur lebt. Er stellt Interviews mit Autoren im Heft reproduzierten Drehbuchauszügen gegenüber. Das ist, finde ich, ein sehr besonderer Ansatz, sich dem Thema zu nähern.

Yoo Un-Seong (Kritiker und Filmwissenschaftler aus Korea) und John Torres (Filmemacher, Autor und Musiker von den Philippinen) werden sich den Rissen und Brüchen im Kino widmen. Dazu wollen sie den Tod oder Leidensgeschichten von Filmemachern untersuchen. Es wird spannend sein zu sehen, wie die beiden zusammenarbeiten und welche Geschichten sie präsentieren werden.

Die Wahl von Gasteditoren und Themen für jede neue Ausgabe der Zeitschrift bringt so hoffe ich, ständig neue Energie mit sich und garantiert dem Leser einen vielfältigen Einblick in das asiatische Filmschaffen.

Haben Sie auch einen Tipp für den interessierten Leser, wo er beginnen könnte, auf welche Namen oder Region er besonders schauen sollte?

Es wäre unfair von meiner Seite Vorlieben auszudrücken. Aber zwei Namen kommen mir da in den Sinn, und zwar Jang Sun-woo aus Korea und Amir Muhammad aus Malaysia: Mit ihnen hatte ich in den letzten Jahren immer wieder zu tun und habe mich mit ihren Filmen beschäftigt. Ersterer ist der wahrscheinlich wichtigste koreanische Filmemacher seit den späten 1980er Jahren. Leider hat er die letzten zehn Jahre keinen Kinofilm mehr gedreht. Aber seine Arbeiten wie The Road to the Racetrack, A Petal, oder Bad Movie sind nach wie vor Meilensteine. Auf Italienisch erschien 2005 das Buch „Il cinema sudcoreano contemporaneo e l’opera di Jang Sun-woo“, dessen Mitherausgeber ich auch bin. Letzterer steht für digitale Low-Budget-Filme in Malaysia und arbeitet im Non-Fiction-Bereich. Er drehte spannende Essay-Filme wie The Big Durian, The Year of Living Vicariously oder The last Communist.

Offensichtlich gibt es eine Menge über Film in Asien zu erfahren. Warum sind nur zehn Hefte geplant?

Jeder Geschichtenerzähler würde antworten, eine gute Geschichte hat immer einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss, egal ob erwartet oder unerwartet. Eine Zeitschrift ist ja kein Container, der irgendwie befüllt werden muss. Was Themen und Inhalt angeht, sind wir völlig frei. Wir finanzieren uns selbst aus Verkäufen, Abonnements und Werbung. Die Unabhängigkeit des Projektes gestattet uns, alle Kräfte auf die Herstellung von zehn einzigartigen Heften zu konzentrieren.

Wo kann man das Magazin kaufen?

Es kann online über www.nangmagazine.com bestellt werden oder in ausgewählten Läden weltweit direkt gekauft werden. Die Liste findet man auf der website.

Davide Cazzaro ist 1982 in Venedig geboren. Er studierte Medien und Darstellende Künste in Venedig, sowie Screen Studies mit Schwerpunkt Asiatisches Kino an der Universität London. Der Filmkritiker, Spezialist für asiatischen Film und Herausgeber von NANG lebt zurzeit in Seoul.

(Das Interview erschien leicht gekürzt in Kulturaustausch 1/2017)