Ernten auch Sie erstaunte oder gar spöttische Blicke, wenn Sie sagen, dass Sie Martial Arts-Filme mögen? Das sind doch die Typen, die an Wänden entlang laufen und auf Dächer springen, auf wippenden Bambusspitzen kämpfen, Teetassen in Geschosse verwandeln oder gleich Wurfsterne zur Hand haben. Ja, und es gibt gewisse wiederkehrende Motive, die es dem Nichteingeweihten zuweilen erschweren, die Filme nur auseinanderzuhalten. Aber mittlerweile sind diese Filme qua akademischer
Forschung geadelt. Das war nicht immer so, kann aber hilfreich und sogar spannend sein. Stöbern Sie doch mal im nicht nur akademischen Blog Kung Fu Tea von Benjamin Judkins. Allerdings bedeutet die akademische Adelung mitunter auch schwere, trockene Lektürekost, die einen starken Kontrast zu ihrem Untersuchungsgegenstand abgibt. Dabei ist bedauerlich, dass sich ein akademischer Stil breit gemacht hat, der zwischen der Ankündigung dessen, was man vorhat, und dem Resumee dessen, was dargelegt wurde, seinen eigentlichen Untersuchungsgegenstand fast stiefmütterlich vernachlässigt und so den Lesespaß und Erkenntnisgewinn einzuschränken vermag.

Der vorliegende Band Chinese Martial Arts and Media Culture erschien in der von Paul Bowman herausgegebenen Serie Martial Arts Studies, deren Ziel die Förderung des interdisziplinären Dialogs ist. Als Einblick in Forschungsansätze zum Thema ist das Buch sehr zu empfehlen. Wobei sich ein solides Vorwissen, was einige der erwähnten Filme oder die eigene Computerspielpraxis angeht, wahrscheinlich empfiehlt. Die versammelten zehn Annäherungen an das Thema Martial Arts und Media Culture sind breit gefächert. Im Mittelpunkt steht die Frage der Übersetzung des Martial Art-Topos in andere Medien und seiner Verbreitung in der Welt. Auch wenn Carlos Rojas Essay zu dem 2013 von Jia Zhangke gedrehten Film A Touch of Sin viel bereits Gesagtes wiederholt, ist der ein schönes Beispiel für mediale Übersetzungen und die moderne Anverwandlung der Genre-Konventionen. Wünschenswert erschiene mir die Weiterführung zu Ash is the Purest White aus dem Jahr 2018. Doch das hat der lange Vorlauf zum Buch wohl verhindert. Denn auch zweitgenannter Film bedient sich verschiedener Martial Arts-Elemente und übersetzt sie in die Gegenwart. Am Beispiel von Jia Zhangkes Filmen wird deutlich, dass der Begriff Martial Arts weit mehr als die Kampfkunst umfasst, nämlich eine Philosophie, ein Denkmodell und soziales Geflecht, auf das Jia Zhangke in den Filmen Bezug nimmt. Die Übersetzung des Originaltitels dieses zweiten Films lautet Kinder des Jianghu und verweist auf diesen Bezug. Jianghu, wörtlich übersetzt: die Flüsse und Seen, ist der Raum, den die Martial Arts-Helden gemeinhin bevölkern. Der Frage, was das eigentlich ist und wie unsere Vorstellung von diesem Raum durch den Film geprägt wurde, ist Helena Wu auf der Spur. Clemens von Haselberg betrachtet das filmische Genre und die ihm innewohnenden Genrekonventionen genauer. Er beschreibt den Martial Arts-Film als Krisengenre, was Unsicherheit und Unzufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung aufzeigte und deshalb auch oft als Kritik an den herrschenden Zuständen gelesen wurde. Nach seinem Niedergang in den 1990er Jahren aber erstand es in modifizierter Form auf. Wenn etwa die Martial Arts-Helden sich der herrschenden Ordnung fügen oder das Jianghu zum Ort der Sinnsuche wird. Ist das überhaupt noch echt? Sind Crouching Tiger, Hidden Dragon und Hero nun Abgesang oder Neubeginn? Heute finden sich in jedem Hollywood Action-Film Martial Arts-Choreografien. Martial Arts sind längst Teil der globalen Kultur geworden, in Afrika wie in Hollywood oder in Computerspielen. Dieses vielfältige Weiterleben ist schon an sich ein Faszinosum, und wird von den meisten Autoren des Bandes positiv bewertet. Manchmal fast allzu positiv. Tim Trausch macht den real/fake-Diskurs auf der Suche nach dem wirklichen Bruce Lee hinter den zahlreichen Nachahmungen und Zitaten auf. Doch was ist echt? Schon die Fragestellung ist nicht einfach, zieht man in Betracht, dass Bruce Lees Kampfschreie nachsynchronisiert wurden. Das Video-und DVD-Zeitalter perpetuiert das Ganze noch, wenn jede Neuveröffentlichung den wahren Bruce Lee zeigen will. Die Audiokommentare hierzu sieht Trausch in der Tradition der chinesischen Sammlerkultur, wo der Besitzer eines Bildes diesem seinen Stempel aufdrückte und mitunter auch eine poetische Inschrift auf dem Bild hinterließ. Die spielerische Aneignung von Vorbildern, in diesem Fall von Bruce Lee ist positiv gefasst, als ein Akt der Kommunikation. Aber heißt das nicht, auch die Zensur könnte so zu einem spielerischen Akt verklärt werden, der dem Film sogar etwas hinzufügt? Die in dem Band versammelten Essays zeigen allesamt, dass Anpassungsfähigkeit und Wandelbarkeit, Eigenschaften, die wir als chinesische wahrnehmen, auch dem Martial Arts-Genre innewohnen. Das genuin ostasiatische Martial Arts-Genre wurde bereits einige Male totgesagt. Doch es lebt modifiziert an anderen Orten und zu anderen Zeiten, übertragen in andere mediale Ausdrucksformen weiter.

Tim Trausch(Hrsg.): Chinese Martial Arts and Media Culture. Global Perspectives, Rowman & Littlefield International London, New York 2018, 211 S., ca. 110 €.

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