Jeder Film, der in China in die Kinos kommt, muss zuvor ein Genehmigungsverfahren bei der Zensurbehörde durchlaufen. In China existiert kein System der Altersfreigabe für Filme (vergleichbar unserer FSK), daher die offizielle Begründung der Zensur, sie stelle sicher, dass der Film für alle, vom Säugling bis zum Greis verständlich und nicht verletzend sei. Im Ergebnis erhält der Film ein Zertifikat mit Nummer, das sogenannte Drachen-Zertifikat (龙标) was im Vorspann des Films zu sehen ist. Wer diesen Schritt umgeht, dessen Filme laufen nicht in den chinesischen Kinos bzw. er riskiert viel.

Lou Ye hatte seinen Film „Sommerpalast“ bei den internationalen Filmfestspielen in Cannes 2006 eingereicht. Der Film erzählt eine Liebesgeschichte an der Beida (Peking-Universität) vor dem Hintergrund der Demonstrationen auf dem Tian’anmen-Platz 1989. Unnötig zu sagen, dass der Regisseur sich bei diesem Thema sparen konnte, den Film der Zensur vorzulegen. Ergebnis war ein fünfjähriges Arbeitsverbot für Lou Ye in China. In jener Zeit drehte er zwei Filme in Frankreich.
Für „Mystery“ (浮城谜事) kehrte Lou Ye nach Aufhebung seines Arbeitsverbotes nach China zurück. Der Film erzählt eine Dreiecksgeschichte. Ein anscheinend glücklich verheirateter Mann führt ein Doppelleben. Er hat insgeheim noch eine zweite Familie. Ein wahrer Fall, der vor einiger Zeit in einem Intenetforum diskutiert wurde. Im Mai 2012 zeigte Lou Ye den Film mit Genehmigung der Zensurbehörde in Cannes. Als dann plötzlich vor dem chinesischen Kinostart erneut Änderungen an dem Film verlangt wurden, entschloss er sich, den Prozess via Weibo öffentlich zu machen.
Letztendlich konnte er einen Kompromiss mit der Behörde aushanMystery3deln, ein paar Stellen wurden geschwärzt. Lou Ye entschloss sich aber als Zeichen öffentlichen Protestes seinen Namen nicht unter den Film zu setzen.
Kurz nachdem Lou Ye selbst den Kampf mit der Zensurbehörde öffentlich gemacht hat führte sina.com am 26. 9. 2012 ein Interview mit dem Regisseur, dessen leicht gekürzte Fassung wir abdrucken.

Chen Yiyi: Die Szene des Mordes an dem Müllsammler wurde nicht genehmigt. Die Behörde forderte dich auf, sie herauszunehmen, aber du weigertest dich. Schließlich hast du die geforderten Schnitte doch akzeptiert. Warum?

Lou Ye: Wenn ich die Szenen nicht herausgenommen hätte, wäre es aus gewesen. Aber im Interesse der Geldgeber, gab ich nach. Während des gesamten Prozesses habe ich gespürt, es ist nicht wichtig, wieviel oder wie man ändert. Was sie wollen, ist meine Einstellung, bin ich. Und der Film war das Symbol dafür. Damit er offiziell gezeigt werden kann und wegen des Geldes, was darin steckt, akzeptierte ich, den Film um 3, 23 Sekunden zu kürzen.

CYY: Du hast den Änderungen zugestimmt. Warum hast du dich am Ende trotzdem entschlossen, nicht deinen Namen als Regisseur unter den Film zu setzen?

LY: Das ist eine ganz persönliche Entscheidung, die ich schon während des Zensurprozesses getroffen habe. Wenn ich wieder einmal mit dem Herumgeeiere der Zensurbehörde und ungerechtfertigten oder absurden Forderungen ausgesetzt werde, könnte ich im Interesse des Films Änderungen akzeptieren. Aber als Regisseur habe das Recht auf den Final Cut. Und dieses Recht bezieht sich auf jede Sekunde, jede einzelne Einstellung. Ich habe 7 Monate daran gearbeitet, immer wieder umgeschnitten und mich erst dann entschieden. Und jetzt soll ich auf einmal aus nicht filmischen Gründen Änderungen vornehmen. Das ist ein bisschen viel verlangt. Na klar, kannst du sagen, dass ich da sehr empfindlich sei, aber so bin ich!

CYY: Wird dein nächster Film wieder in China entstehen?

LY: Das Projekt steht schon. Ich darf doch weiterhin in China arbeiten! Ich habe noch nie so unbeschwert und frei gearbeitet, wie in den fünf Jahren im Ausland. Aber ich bin ein chinesischer Regisseur und will in China für Chinesen Filme machen, dafür habe ich mich entschieden, das liegt wohl im Blut.

CYY: In China für Chinesen Filme machen – ist das wichtiger als Freiheit und Freude an der Arbeit?

LY: Das kann man nicht vergleichen. Aber ich denke, auch wenn man es mir wieder schwer macht, es ist meine Pflicht. Und es gab ja durchaus auch in China Erfreuliches: Schließlich habe ich nur wenige Änderungen vorgenommen, und das wurde akzeptiert. Und das heißt doch, dass wir gemeinsam einen kleinen Schritt weiter gekommen sind. Das Ergebnis ist: Sie taten, was sie glaubten, tun zu müssen und ich tat das meinige. Der Film kann in den Kinos laufen.

CYY: Wenn berichtet wird, dass ein Film Zensurprobleme hat oder dass zahlreiche Änderungen verlangt wurden, denken sehr viele Menschen vermutlich, dass er eine unglaubliche Geschichte erzählt, ein sensibles Thema berührt. Stimmt’s?

LY: Ja, aber in Wirklichkeit ist der Film nichts Besonderes. Es ist eine fast alltägliche Geschichte: Ein Mann, nach außen hin glücklich verheiratet, führt ein Doppelleben, hat noch eine Familie und verbringt die Nacht bei seiner Freundin. Ein Drama, wie es das Leben schreibt. Am Anfang war es eine Geschichte, die im Netz zirkulierte.

CYY: Das ist seit deinem Verbot dein erster Film in China: hast du daran gedacht, bei der Stoffwahl besonders vorsichtig zu sein?

LY: Ja schon, denn ich wollte ja die Zensurfreigabe für den Film. Die Aufgabe war also: Kann ich unter den gegenwärtigen Zensurbedingeungen einen Film drehen, der durchkommt? Darauf wurde dann alles andere ausgerichtet.

CYY: Heißt das, du hast von vornherein vielleicht fragwürdige Stellen nicht gedreht?

LY: Ja, ich habe darin zwar keine so große Erfahrung, denn bei den vorigen beiden Filmen („Spring Fever“ (春风沉醉的晚上), „Love and Bruises“ (花), die beide in Frankreich entstanden) konnte ich drehen, was ich wollte. Das war toll. Aber jetzt hier in China habe ich natürlich daran gedacht. So haben wir sensible Theman, was den gesellschaftlichen Hintergrund bespielsweise anbelangt, von vornherein beiseite gelassen.

CYY: Am Anfang des Zensurprozesses muss man das Drehbuch einreichen. Die Prüfung des Drehbuches dauerte fünf Monate. Wurden viele Änderungen verlangt?

LY: Nein, nicht sehr viele. Beim ersten Mal 5-6 Zeilen, beim zweiten Mal ca. 3 Zeilen und dann noch einmal 3. Das war alles akzeptabel und half mir gleichzeitig beim Schreiben Passagen zu vermeiden, die nicht durch die Zensur kommen würden. Den Bestimmungen zufolge muss man 30 Tage nach Einreichung des Drehbuches eine Antwort erhalten. Ich bekam alle drei Mal die Antwort am 30. Tag. Da waren dann bereits fünf Monate verstrichen. Ich kann verstehen, dass sie meinetwegen ein bisschen nervös waren, schließlich war mein Arbeitsverbot gerade aufgehoben.

CYY: Wie war es dann, als sie den Film sahen?

LY: Ich sollte die Liebesszenen kürzen und die Gewalt in der Mordszene mildern. Das konnte ich akzeptieren.

CYY: Hast du das geändert?

LY: Ja. Ich habe die Liebesszenen auf die Hälfte gekürzt. Und von der Szene wo der Müllsammler getötet wird, habe ich auch die Hälfte rausgenommen.

CYY: Haben sie dir konkret gesagt, du sollst die Szenen um die Hälfte kürzen?

LY: Nein, sie sagten abschwächen und ich habe es dann nach Gefühl gemacht. Aber das heißt ja nicht bloß einfach ein paar Stücke rauszuschneiden, du musst den Rhythmus des gesamten Films im Auge behalten. Die Geschichte, die Figuren … alles muss logisch und nachvollziehbar bleiben. Und der ganze Aufwand nur, um die Genehmigung der Zensur zu bekommen. Die Filmbehörde wollte auch noch, dass wir am Ende ein abschließendes Resumee einfügten, damit Gut und Böse klar getrennt sind. Wir fragten, ob es genüge, einen Text anzufügen und das war okay. Am Ende erscheint also der Text, dass der Fall von xx einen Monat später untersucht wurde. Dann bekamen wir endlich die Genehmigung und reichten den Film so in Cannes ein.

CYY: Bei der dritten Überprüfung waren die Forderungen ähnlich wie bei der gerade erwähnten. Es ging um quantitative Forderungen. Warum wolltest du nun nicht mehr zustimmen?

LY: Vier Monate nachdem der Film die Genehmigung zur öffentlichen Vorführung erhalten hatte und 41 Tage bevor er in den Kinos anlaufen sollte, forderten sie plötzlich erneute Änderungen, d.h. sie erkannten ihre eigene letzte Überprüfung nicht an. Und ganz nebenbei wäre damit der Fakt geschaffen worden, dass die Vorführung in Cannes illegal war. Das hätte ich dann zu verantworten und vermutlich hätte es wieder fünf Jahre Arbeitsverbot bedeutet. Ich verstehe nur nicht, wie der verantwortliche Zensor das erklären wollte, jetzt wo ich mich doch in das Zensursystem begeben habe und mit ihnen kooperierte. Sie sollten doch wenigstens ihre eigenen Spielregeln einhalten. In den ca. vier Monaten nach Cannes hat niemand mit mir gesprochen oder mir zu verstehen gegeben, dass da noch was geändert werden müsse. Aber 41 Tage vor dem Filmstart kommen sie an. Ich hätte gar nicht mehr geschafft irgendwas zu ändern.

CYY: Das heißt, wenn sie eher etwas gesagt hätten, dann hättest du den Film nochmal geändert?

LY: Ich hätte zumindest darüber nachgedacht als der Film noch im Schnitt war. Aber jetzt ist alles fertig. Wenn ich erneut etwas ändern müsste, hieße das, wieder ins Studio gehen und die ganze Chose wiederholen – das wäre unmöglich, das konnte ich nicht akzeptieren.

CYY: Du implizierst, dass das Ändern an sich nicht das Schlimmste ist, sondern die unklare Haltung des Systems, die erneuten Forderungen.

LY: So ist es. Ich hatte ja bereits im Rahmen dieses Systems gearbeitet. Alle sollen die Entscheidungen der Zensurbehörde respektieren. Es ist absurd, dass ausgerechnet ich, der sich wegen Nichtachtung dieses Systems fünf Jahre Arbeitsverbot einhandelte, denen sagen muss: Bitte erkennt eure eigenen Entscheidungen an! Ich selbst finde das lächerlich, aber ich hoffe, ich kann damit etwas für unseren Berufsstand tun. Wenn nach Erteilung der Genehmigung weiter diskutiert wird, dann heißt das auch, die Zensurbehörde kann eine Filmgenehmigung jederzeit zurückziehen. Also kein Film, kein Investor, kein Regisseur ist sicher. Ich denke, dass ist nicht das Bild, das die Behörde von sich verbreiten will.

http://ent.sina.com.cn/s/2012-09-26/ba3752543.shtml; zum Problem Zensur siehe auch die Gastkolumne von Yu Hua in der New York Times, 1.3.2013, http://cn.nytimes.com/article/opinion/2013/03/01/c01yu/en/

(dnC 1/2013)