7831_cover_hajin_derunruhWährend der Agent Gary Shang aus Ha Jins letztem Roman „Verraten“ den Versprechungen der alten Heimat glaubte und immer wieder stolz war, etwas für sie tun zu können, gehört Feng Danlin einer ganz anderen Generation an. Auch die alte Heimat hat sich stark verändert. Feng Danlin ist Journalist im New York des Jahres 2007. Er schreibt für eine chinesischsprachige Zeitung. Die Global News Agency möchte die Zeitung für alle wahrheits-und freiheitsliebenden Chinesen in der Welt sein.

Als die Nachricht über den Ticker kommt, dass seine Exfrau ein Buch auf dem chinesischen und amerikanischen Markt lanciert, welches sogar der amerikanische Präsident promotet, erhält der Journalist von seinem Chef den Auftrag diese „groß angelegte Lügenkampagne“ einmal genauer zu untersuchen. Dass Danlin trotz persönlicher Befangenheit den Auftrag bekommt, geschieht ganz bewusst: „Interessenkonflikt? Wir haben es mit abgefeimten Betrügern zu tun, die sich an keine Regeln halten. […] Ich möchte, dass du mit harten Bandagen kämpfst.“

Dennoch bleibt dieser Fakt in seiner Knappheit ein störrischer Aufhänger der Geschichte. Dass es der Einfachheit halber auch gleich der amerikanische Präsident und die KP Chinas sein müssen, die hinter diesem Buch stehen, scheint dann doch ein bisschen übertrieben. Zum Glück vergisst man den Aufhänger bei fortschreitender Lektüre. Denn wer ist im Dschungel der Nachrichten und Informationen nicht gerne mal Verschwörungstheorien erlegen? So verstrickt sich auch Feng Danlin immer mehr, teils aus journalistischem Ethos, teils aus gekränkter Eitelkeit. Seine Exfrau, eine berühmte Schriftstellerin? „Seit ich Haili kannte, arbeitete sie an einem Pageturner. Sie hatte ihr Machwerk eine ‚hinreißende, transatlantische Lovestory‘ genannt, ein weiteres ihrer vielen Projekte, die sie nie zu Ende brachte.“ Doch nun war das Buch da und die hübsche, karrierebewusste Haili verteidigte es, wie eine Tigerin. Der Roman sei ein nationales Projekt und man werde Feng Danlin ausschalten, wenn er Ärger mache. Hinter ihr standen Verlag und Lektor, der Wille zu Macht und Erfolg, sowie viel Geld.

Aber Feng Danlin, von online-Kommentaren zu seinen Enthüllungen beflügelt, lässt nicht locker. Er sieht sich als Fels in der Brandung, als Kämpfer für Wahrheit und Freiheit. Es geht um Macht und Fake News, darum, wie China seine Einflusssphäre erweitert und auch darum, dass die anderen nur zu gern mitspielen. Eine aberwitzige Mechanik, die – einmal in Gang gesetzt, immer neue Blüten treibt Wie verhält man sich als Mensch im Spiel von Großmachtsfantasien sogenannter Entscheider? Was gilt Loyalität in Zeiten, da sich jeder selbst der Nächste ist?
Die Sphären und Reiche sind längst nicht mehr klar getrennt. Auf den wortreichen Schlagabtausch im Internet folgen Taten. Die Global News Agency schickt Feng Danlin nach Berlin, angeblich, um ihn aus der Schusslinie zu nehmen, am Ende ist sie an die Chinesen verkauft und das ganze Szenario plötzlich ernüchternd, realistisch. Auf der Strecke bleiben ein Journalist und die Pressefreiheit. „Der Unruhestifter“ ist Dichtung und Wahrheit, ein rasant erzählter Roman des 21. Jahrhunderts.

Ha Jin: Der Unruhestifter, Arche Literatur Verlag Zürich-Hamburg 2017, aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Hornfeck, 283 Seiten, 22,- €.