Zehn Jahre Lager von Rudolf HamburgerIm Innendeckel ein Kartenausschnitt der UdSSR, darauf die von Rudolf Hamburger unfreiwillig zurückgelegten Wege. Weite Wege bar jeglicher Logik. Es folgt eine Photostrecke: Portraits, die Familie in Berlin, in Shanghai, Polen, Zeichnungen, Hamburgers, Shanghaier Bauten. Die letzten Bilder sind aus dem Jahr 1939. Dann beginnt der Lagerbericht 1943 -52, zehn Jahre himmelschreiende Ungerechtigkeit, absolute Rechtlosigkeit, die für den Leser nur schwer zu fassen sind. Wie kann man so etwas ertragen, aushalten und erzählen? Alles, was einem heute wiederfährt erscheint so nichtig dagegen. Rudolf Hamburger erzählt dieses Schicksal des Gulag-Gefangenen ergreifend dicht und schnörkellos.

Der hier veröffentlichte Bericht beruht auf einem Manuskript, das er in den 70er Jahren verfasste. In dieses Manuskript flossen Gedanken und Berichte ein, die er im Lager niedergeschrieben hatte, die über die Zeiten gerettet werden konnten und nun als Abbildungen Eingang in vorliegendes Buch gefunden haben.
Eine damalige Veröffentlichung in der DDR musste scheitern. Das lag an ihrem politischen Selbstverständnis, in dem die sowjetischen Gulags nicht existierten. Aber auch im Westen, wohin Hamburger das Manuskript unter Pseudonym bringen ließ, war man nicht interessiert. Der Boom der Lagerliteratur war vorüber.
Über seine Zeit im Lager geredet hat er nicht gern. Der Sohn und Herausgeber dieses Bandes, Maik Hamburger, der in den 70er Jahren überhaupt erst davon erfuhr, vermutet ein oft selbst auferlegtes Schweigegebot dieser Ehemaligen: „Auch wenn ihnen Schweigepflicht auferlegt worden wäre, überzeugt die gängige Erklärung vom „verordneten Schweigen“ keinesfalls. Eher dürfte ein ganzes Bündel von Motiven dahinterstecken. Etwa der Wunsch eines von Traumata unbelasteten Neuanfangs; oder, bei überzeugten Kommunisten, die Scham über die Deformation eines trotz allem immer noch angestrebten Ideals […]“
Das informative Nachwort Maik Hamburgers versucht, den Lebensweg seines Vaters nachzuzeichnen. Von 1930 bis 1936 arbeitete R.H. in Shanghai bei der Stadtverwaltung des International Settlement. Zu den von ihm geschaffenen Shanghaier Bauten gehören das Victoria Nurses Home und das Ward Road-Gefängnis. Seinem in Deutschland verfolgten Studienfreund Richard Paulick verhalf er zur Emigration nach Shanghai. 1936 dann kündigte er seine Stelle und bewarb sich für eine Agententätigkeit. Vorsichtig benennt der Autor mögliche Beweggründe, den Glauben an die gerechte Sache und die sowjetische Politik als die bessere Alternative und auch seine inzwischen fern von ihm als Kundschafterin agierende Ehefrau Ursula. Ursula Hamburger, geborene Kuczynski, veröffentlichte ihre Memoiren „Sonjas Rapport“ unter dem Pseudonym Ruth Werner in den 70er Jahren. Zweifellos stand sie auf der von der DDR gewünschten richtigen Seite.
R.Hs Entschluss zur Agententätigkeit für die Sowjetunion konnte die Ehe nicht mehr retten. Dann lief 1938 sein Pass ab. Als Halbjude war es ihm unmöglich einen neuen in Deutschland zu beantragen. Mit einem gekauften honduranischen Dokument ging er 1939 zurück nach China, wo er verhaftet wurde. Nach seiner Freilassung führte ihn der nächste Auftrag nach Teheran, wo er denunziert wurde. Er musste innerhalb von drei Tagen das Land verlassen. Was lag näher, als dorthin zu gehen, wo all seine Hoffnungen lagen, in die Sowjetunion? Er kämpfte doch für sie, für den Aufbau einer besseren Welt. Er erreichte Moskau und am dritten Tag wurde er verhaftet. Er war ahnungslos, seine Verhaftung musste ein Versehen sein. Der Beginn des Lagerberichtes ist dafür Zeugnis. Erst später und Stück für Stück erfährt er von Mitgefangenen vom System des revolutionären Terrors und der stalinistischen Denunziationen. Der Zweifel findet Eingang in die Zeilen, mischt sich mit der Verzweiflung des Gefangenen. Kein Gedanke mehr vom Kampf für die bessere Seite, es geht ums nackte Überleben und die Wahrung seiner Würde.
Rudolf Hamburger ist ein genauer, aber distanzierter Beobachter. Er nähert sich den Menschen vorsichtig, aber macht sich nie gemein mit ihnen. Es gelang ihm unter diesen unmenschlichen Bedingungen Mensch zu bleiben. Nach zehn Jahren Lager kommt er schließlich frei, d.h. er darf in der Verbannung in einem russischen Städtchen leben.

Als Richard Paulick als Mitglied einer Delegation der Deutschen Bauakademie zu Besuch in Moskau weilt, erfährt Hamburger davon und lässt ihm eine Nachricht zukommen. Richard Paulick erwirkt schließlich Hamburgers Freilassung und Übersiedlung in die DDR. 1955 fand Rudolf Hamburgers Odyssee damit ihr Ende.
Und erst jetzt, 30 Jahre nach seinem Tod, erscheint dieses erschütternde Zeugnis vom „Leben“ im vorigen Jahrhundert, eines Jahrhunderts – um es mit dem Herausgeber Maik Hamburger zu sagen – voller Abgründe.

 

Rudolf Hamburger: Zehn Jahre Lager. Als deutscher Kommunist im sowjetischen Gulag. Ein Bericht, Siedler-Verlag 2013, 240 Seiten, mit Abbildungen, ISBN: 978-3-8275-0033-5, € 19,99.

(in: dnC 4/2013)