Shanghai will sich als Stadt der Architektur und des Designs etablieren, als eine ultramoderne Stadt, in der sich alt und neu mischen. Als Beweis muss man sich nur Three on the Bund, die Taikanglu oder das Galerienviertel in der Moganshanlu anschauen. Mit dem Gascogne-Gebäude gab es eine weitere Gelegenheit, dem einen Schritt näher zu kommen. In diesem Fall war es die Chance, das erste Beispiel eines großen renovierten Wohnkomplexes in Shanghai zu liefern. Hätte das funktioniert, wäre dem Ruf der Stadt ein neuer Aspekt hinzugefügt worden. Aber leider haben die Besitzer des Gascogne anders entschieden.

Der verführerische Flyer versprach exklusives Wohnen in Shanghai. Seit ich in den 90er Jahren selbst drei Jahre lang hier gewohnt habe, war ich angetan von der Eleganz des Gebäudes.
Das Gascogne ist das herausragende Beispiel der Arbeiten von Veysseyre, Leonhard & Kruze. Die Architekten waren auf dem Gipfel ihrer Kreativität und schufen helle, offene und einladende Räume mit weichen Art-Deco-Linien und aus natürlichen Materialien. Ja, all dies besaß das Gascogne. Sieht man jedoch seine neue Gestalt, ist man verblüfft, dass so gar nichts davon geblieben ist.
In allen Wohnungen wurden die ursprünglich hohen Räume durch eingezogene Zwischendecken verkleinert, um Lüftungskanäle zu verstecken und sexy Deckenspots zu installieren. Darüber hinaus wurden die Böden angehoben um moderne Sanitäranlagen zu installieren und die Toilettenanzahl zu erhöhen, nur für den Fall dass einmal alle Mieter gleichzeitig müssen. Die alten Klimaanlagen, die den Gascognebewohnern bis 2002 gute Dienste geleistet hatten, wurden durch neue flache Geräte ersetzt. Denen mangelt es nicht nur an Ästhetik, sondern sie erfordern auch riesige Heizungstanks, die zwei Balkone pro Stockwerk belegen. Nettes Beiwerk für eventuelle Cocktailparties im Spätfrühling … Es kommt aber noch schlimmer: Die Besitzer haben die großen Balkone durch Glasfronten geschlossen. Diese sind bekanntlich fast unmöglich zu beheizen oder zu kühlen, wohl deshalb wurden die unverschämt teuren neuen Klimasysteme installiert.
Die Abstellräume bzw. Räume für die Ayi auf jedem Flur wurden als Kitchenette in die Wohnungen intregriert. Mit Sicherheit sind die wackeligen Treppen zu diesem, ein Zwischenlevel bildenden Raum, schwierig zu bewältigen, wenn man eine Platte mit Häppchen in der einen und eine Flasche Schampus in der anderen Hand hat, aber so ist das Leben.
Verkleidungen aus falschem Holz sind vor jedem originalen stahlgefassten Fenster. Diese lichtnehmenden Vorsätze schaffen es nicht einmal, die hässlichen Plastikeinsätze in den doppelverglasten Fenstern verdecken. Ich muss noch etwas erwähnen: nämlich die Zierleisten aus Granit. Jawoll, für den Fall, dass ihnen der Granit an Boden und Wänden des Eingangsbereiches nicht reichen sollte, ist hier noch ein bisschen mehr Granit an der Decke!
Letztendlich gibt es viele Orte in der Stadt, wo es sich leben lässt. Und vielleicht entscheiden Sie sich auch trotz meiner Kommentare für das neu renovierte Gascogne. Schließlich ist seine Lage inmitten der Französischen Konzession in der Mitte der Huaihailu unschlagbar. Wenn dem so ist, brauchen Sie eine Menge Geld. Jede der fast 300qm großen Wohnungen kostet mehr als 50000 RMB pro Monat. Und hier ist nicht mal ein Sportstudio oder Schwimmbad im Komplex, aber Ihr Fahrer kann Sie ja zu einem in der Nähe bringen.

Es gibt bislang nur wenige Mieter in dem Gebäude. Da stellt sich doch die Frage, warum man ein einzigartiges historisches Gebäude in eine Kopie von etwas bereits Vorhandenem verwandelt. Wenn man inmitten der französischen Konzession in einem modernen Hochhaus wohnen möchte, kann man das an vielen Orten tun, die alle mit Swimmingpool und Fitnesscenter ausgestattet sind.
Die Besitzer des Gascogne sollten sich schämen. China versucht, eine „harmonische Gesellschaft“ zu errichten, aber nur die Reichen können es sich leisten in den uniformen Wohnungen dieses Gebäudes zu wohnen, was übrigens dem Staat gehört. Selbst in der düsteren schlechten Zeit in den dreißigern besaßen die größeren Wohngebäude in Shanghai Wohnungen von verschiedener Größe. Wie das alte Gascogne, in dem es neben 40 qm-Studios auch Wohnungen von 150 qm gab, die drei Schlafzimmer hatten. Und alle beide hatten das gewisse Etwas. Wenn das neue Gascogne etwas zeigt, dann, dass nur noch die Reichen und Leute ohne Geschmack im Zentrum der Stadt wohnen sollen.

(Veröffentlichung der leicht gekürzten übersetzten Fassung mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Zeitschrift That’s Shanghai)

Spencer Dodington lebt seit vielen Jahren in Shanghai und hat hier seine Leidenschaft für die Architektur des Art-Déco zum Beruf gemacht. Als Architekt renoviert er Häuser aus der Vorkriegszeit, er designt Möbel und Accessoires in Anlehnung an den Shanghai-Stil und bietet mit seiner Firma LCS maßgeschneiderte Programme für den stilgerechten Shanghai-Aufenthalt.

 

(dnC  2/2008)