© Bettina Wilhelm

© Bettina Wilhelm

Der Film beginnt mit Bildern aus einer dunklen Höhle im Gegenlicht, Staubkörnchen flirren umher, tastende Bewegungen im Dunklen: Die Yungang Grotten- inszeniert als Ort der Erleuchtung Richard Wilhelms. „Ein Bild ums andere trat hervor aus der Nacht, wurde lebendig, begann zu reden. Die großen Bilder gaben tiefe, mächtige Akkorde, die kleinen und immer kleineren ertönten in zarter Melodie, und schließlich war der ganze Raum in der Tiefe des Berges erfüllt von einem himmlischen Lobgesang […].“ Hier verschmolzen für ihn Ost und West, ergaben für ihn zusammen einen Sinn. Sand rieselt, die Musik schwillt an, doch die Esoterikfalle schnappt nicht zu. Der Regisseurin gelang es hier und an vielen folgenden Stellen meine Befürchtungen zu unterlaufen.

In dem Film „Wandlungen – Richard Wilhelm und das I Ging“ begibt sich Bettina Wilhelm auf die Spuren ihres Großvaters. Wer war dieser Mann, der viele Jahre vor ihrer Geburt starb?, dessen Liebe zu China deutliche Spuren in der Familiengeschichte hinterließ?, der nicht nur der Familie, sondern einer breiten Öffentlichkeit gehört?, aber auch einer geteilten Öffentlichkeit, geteilt in die sinologische und die nicht-sinologische Welt. Und wie kann man all diesen Fragen in einem einzigen Dokumentarfilm gerecht werden? Bettina Wilhelm verknüpft ihre eigene Reise nach China, zu den Orten, an denen ihr Großvater wirkte, mit seinen Erinnerungen. Ihre Reiseimpressionen, Archivbilder aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts sowie Interviewsequenzen schaffen visuelle Abwechslung. Auf der Tonebene kreuzen sich ihre Beobachtungen und Fragen (voice over) mit den Tagebuchaufzeichnungen des Großvaters, gesprochen von Sylvester Groth.
„In China rechnet man nach Jahrhunderten. Das war in der Vergangenheit stets die Losung der alten Kolonisten im Fernen Osten. Aber diese Losung ist längst zur Unwahrheit geworden. Heute entwickelt sich das Leben in China in fieberhafter Eile. Jeder Tag bringt neue Ereignisse und Entwicklungen, und hinter den lauten Tagesereignissen und Kämpfen vollzieht sich etwas ganz Großes: das Auftauchen einer neuen Welt.“
Was sich wie ein Kommentar zu den riesigen Veränderungen, die sich gegenwärtig in China und im Westen vollziehen, liest, schrieb Richard Wilhelm vor fast neunzig Jahren.
Er hatte sich als Missionar unter die alten Kolonisten gemischt und wurde zum Beobachter und Chronisten dieses Auftauchens einer neuen Welt. Nach dem Studium der Theologie und Vikariat begab er sich 1899 nach China. Sein tiefer christlich geprägter Humanismus traf hier auf die chinesische Philosophie. Das Chinabild in Deutschland zu jener Zeit war von Vorurteilen und dem Siegestaumel, endlich eine Kolonie abbekommen zu haben, geprägt. 1898 erhielt Deutschland das Gebiet an der Kiaotschou-Bucht (Jiaozhou) zur Pacht und damit die ersehnte Kolonie an der Ostküste Chinas. In diese junge Kolonie nach Tsingtao (Qingdao) kam also der sechsundzwanzigjährige Richard Wilhelm. „Die paar Deutschen, die sich am Südrand der Kiaotschou-Bucht in dem kleinen Fischerdorf Tsingtao niedergelassen hatten, bildeten eine große Familie […]. [Ich] wurde […] fürs erste im Hotel Ägir untergebracht. Hier saßen die Kolonisten abends beisammen, unter reichlichem Alkoholgenuss, schmiedeten Pläne und besprachen die Neuankömmlinge, die im schwarzen Rock und mit festlichen Handschuhen durch den Schlamm der grundlosen Wege hüpften oder, wenn schönes Wetter war, unter dauerndem Umsichschlagen sich von Staub und Fliegen zu reinigen suchten […].“
Dogmen waren ihm zuwider. Er wollte die Welt nicht in Christen und Heiden scheiden und bekannte später mit einigem Stolz, dass er keinen einzigen Chinesen getauft habe. Aber er wurde zum Erforscher Chinas und zum Vermittler zwischen den Kulturen. In der deutschen Kolonie Qingdao gründete er zwei Schulen, er lernte Chinesisch und begann klassische chinesische Schriften zu übersetzen. Als das chinesische Kaiserreich zusammenbrach, suchten viele Gelehrte in der deutschen Kolonie Zuflucht. So lernte er Meister Lau kennen, der ihn in die Geheimnisse des „Buches der Wandlungen“ einführte. Dieses „Buch der Wandlungen“, das „I Ging“ stellt Bettina Wilhelm in den Mittelpunkt des vielseitigen Wirkens von Richard Wilhelm. Über zehn Jahre hat er an dessen Übersetzung gearbeitet. Mehr als ein Orakelbuch sei das „I Ging“ ein Weisheitsbuch, was den Menschen in den Stand setze, sich sein Leben organisch und souverän zu gestalten, wie er im Vorwort zur Erstausgabe 1923 schrieb.
Richard Wilhelm und Meister Lau Nai Süan begannen, gemeinsam an der Übersetzung des I Ging zu arbeiten. Wilhelm brachte den Text ins Deutsche, übersetzte ihn dann wieder zurück, um Fehler oder Verständnislücken auszuschließen. Erst danach begann er an dem Text stilistisch zu feilen. Der erste Weltkrieg unterbrach die Arbeit. Viele Deutsche verließen China und auch Richard Wilhelm nutzte die Zeit für einen Heimaturlaub. Als er nach China zurückkehrte, war Meister Lau bereits verstorben. Er hatte dieses uralte Buch der Wandlungen in Wilhelms Hand gegeben, damit er es in der westlichen Welt bekannt mache. Das „I Ging“ erschien 1924 und stieß auf großes Interesse. Im Film kommt stellvertretend dafür der C.G.Jung-Forscher Sonu Shamdasani zu Wort, der von der Begeisterung des Psychotherapeuten für R. Wilhelm erzählt. Richard Wilhelms Übersetzung machte das Buch erstmals einer breiten Öffentlichkeit bekannt und diente als Grundlage für die Übertragung in weitere Sprachen. Interviews mit dem Historiker und Yi Jing-Forscher Prof. Richard J. Smith oder dem Sinologen und I Ging-Berater Dr. Henrik Jäger belegen die Wirkung und Aktualität des Buches bis in die heutige Zeit. Oder wie schon Richard Wilhelm erkannt hatte, „das Neue ist nicht etwas, das ganz unvermittelt entstünde. Seine Keime und Anknüpfungspunkte liegen in der Vergangenheit. Wer die Keime des Werdens zu deuten versteht, vermag aus ihnen die Zukunft zu lesen.“
1920 hatte Richard Wilhelm seine Missionarstätigkeit in Qingdao beendet und war mit Frau und vier Söhnen nach Deutschland zurückgekehrt. Aber es hielt ihn nicht lange. 1922 brach er noch einmal auf und wurde für zwei Jahre Berater der Pekinger Gesandtschaft. Über die Familie erfahren wir recht wenig, vielleicht, weil das ein anderer Film geworden wäre. Aber kleine Bemerkungen, wie die, dass im Hause Wilhelm wenig über den Großvater gesprochen wurde, lassen dennoch aufhorchen. Richard Wilhelms Söhne, das kann man nachlesen, sollte es wieder nach China verschlagen und Bettina Wilhelm, die Regisseurin des Films, wurde in Shanghai geboren. Der Film ist nicht zuletzt eine Hinwendung zu ihren Wurzeln. Und so begleiten wir sie zu ihrem Elternhaus, d.h. zu dem Platz, wo es einmal gestanden hat. Heute ist hier ein Krankenaus. Wenn sie nach einem kurzen Blick in die überfüllte laute Aufnahme bemerkt, dass sie sich ihre Rückkehr doch etwas anders vorgestellt habe, blitzt da etwas von der lakonischen Beobachtungsgabe des Großvaters auf.
1924 wird Richard Wilhelm auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Geschichte und Philosophie Chinas berufen, doch er ist umstritten, denn vielen ist seine Arbeitsweise zu unwissenschaftlich. Leider erfährt der Zuschauer wenig über seine Arbeitsmethoden und es bleiben zahlreiche Fragen ungeklärt. Aber der Film weckt die Neugier und kann so Ausgangspunkt für die weitere Beschäftigung mit diesem faszinierenden Kulturvermittler sein. Richard Wilhelm starb 1930.
Richard Wilhelm hat einmal Milde und Ruhe als die Seele Chinas beschrieben. Milde und Ruhe sind auch die Worte, mit denen sich der Film beschreiben ließe. Das könnte man ihm vorwerfen, dass er die stillen Wandlungen zum filmischen Prinzip erhebt. Damit scheint er etwas aus der Zeit gefallen, die doch das Laute, die Provokation, die schnellen Schnitte bevorzugt. Sich besinnen, sein Leben ordnen, um es zu gestalten, diese Prinzipien des I Ging hat sich auch der Film zu eigen gemacht.
Seit dem 17. November ist der Dokumentarfilm „Wandlungen – Richard Wilhelm und das I Ging“ in den Kinos zu sehen.

 

(in: dnC 4/2011)