independentchinesedocumentarybanner[1]Während der offizielle chinesische Film bestrebt ist, Hollywood zu schlagen und seine Filme an exorbitanten Budgets und eingesetzten CGI-Effekten messen lässt, entstand seit den 1980er Jahren eine stetig wachsende Zahl unabhängiger Dokumentarfilme.

Dan Edwards‘ Independent Chinese Documentary ist der Versuch eine möglichst umfassende Darstellung des unabhängigen Dokumentarfilms der nachmaoistischen Ära zu liefern. Denn abgesehen von einzelnen Artikeln oder dem 2010 erschienenen Band The New Chinese Documentary Movement, herausgegeben von Chris Berry, Lü Xinyu und Lisa Rofel wurde der chinesische Dokfilm im Westen kaum behandelt.

Edwards Blick auf den Dokumentarfilm und seine Auswahl sind subjektiv geprägt. Als er 2007 bis 2011 in Beijing lebte, begann er sich mehr und mehr für diese Szene zu interessieren und lernte durch die Filmemacher und ihre Werke eine völlig andere Seite des boomenden glitzernden Wirtschaftswunders kennen. Edwards, der von Haus aus Journalist ist, hinterfragt die Beziehungen zwischen den unabhängigen Dokumentarfilmen, der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas und den offiziellen Kommunikationskanälen. Ergebnis ist seine hier vorliegende Doktorarbeit. Das sollte man als Leser bedenken, da man sich durch viel akademischen Ballast fressen muss, worunter mitunter die Lesbarkeit des Buches leidet.

Gleich im Vorwort geht Edwards auf die Gratwanderung einiger Pioniere des unabhängigen Films ein, die meist für offizielle Medien wie das Fernsehen arbeiteten. Das soll einige Beobachter bewogen haben, den Unterschied zwischen offiziell und inoffiziell zu negieren. Auf der anderen Seite hatten in den 90er Jahren nur Leute mit engen Beziehungen zum staatlichen Fernsehen Zugang zu Kameraequipement, denn kleine digitale Kameras für den Privatgebrauch kamen erst später auf. Was also bedeutet unabhängig im chinesischen Kontext? Die beschriebene Gratwanderung zwischen unabhängig und offiziell, Eigenständigkeit des Künstlers und Eingriffen von Seiten der Zensur und deren Bewertungen durch westliche Beobachter setzt sich bis heute fort und ist Veränderungen unterworfen. Das heißt auch, dass unser Gut-böse-Schema nicht immer greift.

Die Dok’filmbewegung der nachmaoistischen Ära aufarbeiten zu wollen ist ein großes Projekt, zumal wenn man 2009 fast zufällig in das Thema stolperte „That first viewing [of the film Petition by Zhao Liang – PK] was a revelation. Here was a world I had sensed playing out around me during the two years I had lived in Beijing, but had never seen acknowledged, let alone discussed, on Chinese television or in the cinema.“ (xiii)

Dan Edwards‘ Begeisterung für das Thema beflügelt das Buch zwar und bietet vor allem dem Leser, der erwähnte Filme nicht selbst sehen konnte, ausführliche Beschreibungen. Aber es fehlen neue oder überraschende Perspektiven in der Schilderung. Hier spricht der Journalist, den in erster Linie die gesellschaftspolitischen Verwicklungen und Hintergründe interessieren, mehr als filmhistorische oder ästhetische Verbindungen. Wer einen guten historischen und filmhistorischen Überblick besitzt, ist somit schnell gelangweilt. Manche Stellen muten naiv an, wenn er ausführlich beschreibt, dass die Partei die Erinnerungen zu kontrollieren sucht, oder bestimmte historische Ereignisse gar eliminieren will.

Der Eindruck, dass Edwards mit journalistischer Verve eine Überblicksdarstellung liefern will, stellt sich beim Lesen fast von selbst her. Dass dann aber einer der bekanntesten und ästhetisch eigenständigen Protagonisten der Szene, der Regisseur Wang Bing, nur am Rand erwähnt wird, stört die Balance.

Nach der einleitenden Überblicksdarstellung widmet sich Edwards in einzelnen Kapiteln vier Filmemachern und einigen ihrer Werke, nämlich Ou Ning, Hu Jie, Ai Xiaoming und Zhao Liang.

Hu Jie beispielsweise gab seinen Job beim Fernsehen auf, um sich ganz der Aufarbeiteung der 50er und 60er Jahre zu widmen, der Zeit des Großen Sprungs und der Kulturrevolution. Wenn er es nicht täte, wäre die Erinnerung daran bald ausgelöscht, denn die Zeugen werden älter und sterben aus. Ähnliches übrigens macht Wu Wenguang in seinem leider nicht erwähnten Memory-Projekt. In Hu Jies Filmen wird deutlich, dass das chinesische Volk lange nicht so uniform und einheitlich war, wie es auch die westlichen Medien uns gerne weismachen. Die Filmbeschreibungen machen noch beim bloßen Lesen sprachlos und zeigen so die Existenznotwendigkeit dieser unabhängigen Dokumentarfilmszene.

Edwards versucht an den einzelnen Filmemachern verschiedene Filmstile festzumachen, das überzeugt wenig, zumal der persönliche Stil variiert oder sich Filmemacher wie Zhao Liang ganz bewusst nicht wiederholen wollen.

Nach der Lektüre wird jedoch ganz deutlich, wie wichtig die unabhängigen Filme Chinas sind. Diese dunkle Seite des uns zugewandten Bildes vom wirtschaftlichen und politischen Wiederauferstehen sollte der Chinainteressierte, wie auch der Geschäftsmann kennen und das sollte unbedingt auch jeder Festivalmacher wissen und sich überlegen, welche Kompromisse er mit den offiziellen Vertretern der chinesischen Kulturbürokratie eingeht.

Dan Edwards: Independent Chinese Documentary. Alternative Visions, Alternative Publics, Edinburgh University Press 2015, 70.