Xie Jin ist am 18. Oktober 2008 im Alter von 84 Jahren gestorben. Er war einer der letzten chinesischen Regisseure, die Zeuge des kommunistischen Sieges in China, der Entwicklung der Volksrepublik China bis hin zu ihrer Veränderung im neuen Jahrtausend wurden. Er begleitete ihre oft tragische historische Entwicklung mit seinen Filmen. Sieht man die Filme wieder, scheinen sie einem anderen Zeitalter anzugehören. Es sind meist episch angelegte Geschichten, deren Nichtgesagtes oftmals die politischen Zeitumstände spiegelt.

„Wie ich bereits sagte, muss man die chinesische Geschichte kennen, um die Filmgeschichte wirklich zu verstehen. Meine Arbeit zu studieren ist ganz etwas anderes als das Studium der Regisseure der 5. oder 6. Generation. Unsere Leben sind voneinander so verschieden, wie es unsere Erfahrungen und Haltungen sind.“
1923 in Shaoxing geboren, zog Xie Jin in den 30er Jahren mit seiner Familie nach Shanghai, wo sein Vater in einer Bank arbeitete. Er absolvierte eine Ausbildung an der Theaterakademie und begann seine Bühnenlaufbahn während des Krieges als Schauspieler. 1948 wechselte er dann zum Film und arbeitete zunächst als Assistent bei der Datong-Filmproduktion.
Xie Jin drehte im Laufe seines Lebens mehr als 20 Filme. Wenn er auch keiner der ganz großen Regisseure in der Welt sei, glaubt er doch, dass ein Dutzend davon die Zeiten überdauern werde. Sein ästhetisches Vorbild war zeitlebens das Hollywood-Modell. Er wollte den Zuschauern seiner Filme Schönheit und Harmonie einer schlechten Welt zum Trotz vermitteln. In der Filmgeschichtsschreibung wird von der Xie Jin-Schule gesprochen, die historische Zusammenhänge und moralische Werte dem Zeitgeist entsprechend vermittelte gepaart mit einer ordentlichen Prise Melodrama.

In den letzten Jahren war es still um ihn geworden. Es war vermutlich 1998, dass ich das letzte Mal einen Xie-Jin-Film gesehen habe. Auf der Berlinale wurde sein Film Der Opiumkrieg gezeigt. Ein politisch kalkulierter Film, den Xie Jin zu Ehren des Handovers 1997 gedreht hatte. Zu jener Zeit war Xie Jin in der Gunst der Zuschauer, heimischer wie internationaler, längst von nachgerückten Regisseursgenerationen verdrängt. Aber das ließ seine Energie nicht erlahmen. Im Jahr 2000 erlangte er nochmals, wenigstens in China, Aufmerksamkeit mit dem Film Fußballspielerin Nr. 9 (Nüzu 9 hao), der schon vom Titel her an seinen Film Baskettballspielerin Nr. 5 (Nülan 5 hao, 1957), mit dem er bekannt wurde, erinnerte.
Der Film Basketballspielerin Nr. 5 gilt vielen als sein Entree in die Riege der beachteten Regisseure und zugleich etablierte der Film den Ruf Xie Jins als „Frauen-Regisseur“. 1960 folgte Das rote Frauenbataillon (Hongse niangzijun), ein Film, der zahlreiche weitere Adaptionen nach sich zog. „Die erste Hälfte des Films ist von heute aus betrachtet noch immer sehr gut. Doch die zweite Hälfte ist nicht ganz so stark, aufgrund von Schnitten, die ultralinke Kritiker einforderten und die die Geschichte veränderten. Ursprünglich gab es eine Liebesgeschichte zwischen den Filmhelden. Sie wurde nach dem Dreh herausgeschnitten und so gibt es vieles, was im Nachhinein bedauerlich ist.“ Das rote Frauenbataillon folgt dem Schicksal Wu Qionghuas, die sich in Hainan gegen ihren feudalen Unterdrücker auflehnt. Erst in der Begegnung mit einem kommunistischen Guerillakämpfer wird ihr Kampf von Erfolg gekrönt. Nach ihrer Befreiung aus den Fängen des Großgrundbesitzers tritt Wu Qionghiua dem roten Frauenbataillon bei und lernt dort, ihre persönlichen Hass- und Rachegefühle beiseite zu schieben und sich dem großen gesellschaftlichen Ziel unterzuordnen.

Sein letzter Film vor der Kulturrevolution, der zugleich vielen auch als sein bester gilt, war der 1964 gedrehte Film Zwei Bühnenschwestern (Wutai jiemei) Er erzählt von zwei Mädchen einer fahrenden Operntruppe, von denen die eine sich ein schönes Leben in materiellem Reichtum wünscht und die andere sich der Revolution widmet. Für diesen Film wurde Xie Jin in der Kulturrevolution angegriffen. „Ich hatte keine Ahnung, warum mein Werk und ich denunziert wurden, ebenso wie Yuan Xuefen, auf deren Lebensgeschichte der Film basiert. Erst später erfuhren wir, dass die Angriffe gar nicht uns persönlich galten. Das wahre Ziel war Premier Zhou Enlai, der dem Film seine volle Unterstützung zugesagt hatte.“ Hinzu kam die persönliche Tragödie: Xie Jins Eltern nahmen sich während der Kulturrevolution beide das Leben. Das hinterließ eine deutliche Spur in seinem Schaffen.
Doch zunächst war er einer der wenigen Regisseure, die auch während der Kulturrevolution arbeiteten. „Wie auch immer, weil wohl niemand anderes da war, haben sie mich ausgewählt, den Film zu machen. Ich bedaure das im Nachhinein. Was hat man davon, Filme wie diesen zu machen? Aber in jener Zeit war es eine Ehre, einen Modellfilm zu drehen.“ So entstand 1973 in Co-Regie mit Xie Tieli Der Hafen (Haigang), gefolgt von Frühlingssprossen (Chunmiao, 1974) und Die Panshi-Bucht (Panshi wan, 1975).
Zu Beginn der 80er Jahre, wohl auch unter dem Einfluss der Narbenliteratur, begann Xie Jin in seinen Filmen diese nationale und persönliche Katastrophe zu verarbeiten. Es entstanden Filme wie Die Legende vom Tianyun-Berg (Tianyunshan chuanqi, 1980), Der Pferdehirt (Mumaren, 1982) oder Die Stadt Hibiskus (Furong zhen, 1986). „Die Menschen begannen darüber nachzudenken, was unsere Nation dorthin geführt hatte und wie es so weit kommen konnte.“
Die Stadt Hibiskus ist einer der ersten chinesischen Filme, die ich selbst im Kino sah und die einen bleibenden Eindruck hinterließen. Er berichtet davon, wie der Klassenkampf in einer kleinen Stadt Einzug hielt und immer weiter in das Privatleben des Einzelnen eingreift. „Nach der Kulturrevolution drehte ich Tragödien, nicht aus einer Laune heraus, sondern wegen der zahlreichen Tragödien, die in unserem Land stattgefunden haben. Kunst spiegelt das Leben wider.“ Darin sah er seine Aufgabe, das was er sah und erlebte, in Bilder zu übersetzen. Deshalb waren ihm auch die Stoffe, zu denen er einen Zugang aus persönlichem Erleben hatte, immer am nächsten. Aber seine Filme gehen nie über das narrative Element hinaus, Als Zuschauer vermisst man seine persönliche Einstellung oder eine individuelle Aussage bezüglich des Gezeigten. Xie Jins Lebensweg gäbe bestimmt einen guten Filmstoff her. Aber ob er das, von einem jungen Regisseur und aus heutiger Sicht, gewollt hätte? „Ich glaube, es gibt zwei Typen von Künstlern. Der eine feiert die Schönheit und der andere deckt das Hässliche und die unerfreulichen Dinge dieser Welt auf. Diejenigen, die das Hässliche aufdecken, können ebenso bewegen und lehrreich sein […] Ich jedoch bin für die Schönheit. Ich will mein Publikum mit schönen Erinnerungen entlassen.“

Alle Zitate stammen aus einem Interview, welches Michael Berry mit Xie Jin am 27.12.2002 in Shanghai führte. Erschienen in: Michael Berry: Speaking in Images, New York 2005.

(dnC 4/2008)