
Nach Gedichten Liu Zongyuans, Wen Tingyuns oder Li Shangyins widmet sich der Übersetzer Raffael Keller nun einer Frau, und nicht irgendeiner. Denn Li Qingzhao (1084 – 1155) ist die wohl bekannteste und meist übersetzte Dichterin Chinas. Zwei Bücher mit Gedichten Li Qingzhaos erschienen in den 1980er Jahren auf Deutsch und waren, so ist im Nachwort zu lesen, eher Nachdichtungen bzw. ließen formale Aspekte außer Acht. Im Idealfall erfahre der Text durch die Übersetzung eine Verjüngung, weil er in ein gegenwärtiges Deutsch übersetzt werden muss. Damit sind diese bald 1000 Jahre alten Verse den deutschen vielleicht sogar näher als chinesischen Lesern und Leserinnen heute. Trotz der großen sprachlichen Unterschiede versucht vorliegende Übersetzung „die charakteristischen Versstrukturen der Originale wiederzugeben“ (S.157), ohne in klebrige China-Klischees zu verfallen oder altertümlich zu klingen.
Bekannt wurde Li Qingzhao als Meisterin der Ci-Lyrik. Ci – das sind Liedtexte geschrieben auf Melodien, die in der Tang-Zeit aus Zentralasien über die Seidenstraße nach China kamen und sich großer Beliebtheit erfreuten. Die gewählten Melodien bestimmten das prosodische Schema des Textes.
Das in Leinen gebundene Buch mit dem frisch grünen Farbschnitt und Lesebändchen ist eine hübsche Einladung zum Lesen, auch wenn auf dem Buchrücken leider nur der Vorname der Dichterin zu finden ist. Der Band enthält neben den gesicherten 29 Gedichten neun weitere, die ihr erst in späterer Zeit zugeschrieben wurden. Es gibt insgesamt 45 dieser Zuschreibungen, die jedoch der Übersetzer eher für von Li Qingzhao inspirierte Verse hält. Ergänzt werden die Lieder durch das »Nachwort zum Katalog der Bronze- und Steininschriften«. Li Qingzhao beschreibt darin Entstehung und Zerfall der gemeinsam mit ihrem Mann zusammengetragenen Kunst- und Inschriftensammlung. Ein weiterer Prosatext, „Über Liedtexte“, ist einer der frühesten poetologischen Texte über das Genre Ci und rundet den Band ab. Informative wie pointierte Anmerkungen, sowie ein Nachwort des Übersetzers bereichern den Lesegenuss.
„Die alte Heimat – wo wäre sie zu finden? / Nur im Wein kann ich sie vergessen. / Rosenholz verglühte, wo ich lag, / sein Duft vergangen, ehe mein Rausch verflog.“ (S. 31)
Li Qingzhaos Gedichte durchzieht eine große Melancholie. Sie spricht von der Trennung vom Geliebten, von Exil, gewährt Einblicke in Frauengemächer und intellektuelle Bildungsstandards. Man ist geneigt, die Lieder Li Qingzhaos autobiografisch zu lesen. Doch man solle das nicht allzu strikt tun, warnt der Übersetzer, denn Li Qingzhaos Gedichte sind „in erster Linie fein zisilierte Wortkunstwerke, in denen Sinn und Klang eine bestrickende Verbindung eingehen“.
Im letzten Gedicht etwa klingt zwischen den Zeilen das Lied eines Freudenmädchens an, schreibt R. Keller. Das lässt an ursprüngliche Formen der Ci-Lyrik denken, als diese während der Tang-Zeit in Vergnügungsvierteln zirkulierte und es oftmals Kurtisanen und Künstlerinnen waren, die wagten, sich mit Männern auf dem Gebiet der Poesie zu messen. Auch die selbstbewusste Li Qingzhao überlässt Theman wie das Trinken oder Altern längst nicht mehr nur Männern. Also keine Angst vor alten Gedichten!
Li Qingzhao: Rosenholz verglühte, wo ich lag, aus dem Chinesischen übersetzt und mit einem Nachwort von Raffael Keller, 160 Seiten, Handbibliothek Dieterich 2026.
