Die von Cheng Bugao in den 1960er Jahren zusammengetragenen „Erinnerungen an die Filmwelt“ 影坛忆旧sind so einzigartig, da sie viele Erlebnisse und Begegnungen aus erster Hand beinhalten. Und selbst da, wo eigene Erinnerungen definitiv nicht die Grundlage bilden können, liegt die erzählte Zeit gerade mal eine Generation zurück, anders als bei heutigen Beschreibungen. Cheng Bugao erzählt lebendig, pointiert und bildhaft, so auch von den Anfängen des Filmgeschäfts in Shanghai. Alle folgenden Zitate stammen aus den Erinnerungen von Cheng Bugao.

Die hiesige Konzession, die die Ausländer der Mandschuregierung abgeluchst hatten, war in ihren Augen „schön, wie das Land des Pfirsichblütenquells, war ein Märchen. Man musste das Geld nur auflesen und war reich. […] Auch das gerade erfundene westliche Schattentheater sahen Abenteurer als Goldgrube an und wollten darum die ersten sein, die diesen magischen Schatz nach Shanghai brachten.

Der erste Abenteurer hat es vergeigt.

Es heißt, dass im Jahr 1899, ich war noch nicht lange auf der Welt, ein Spanier und Nachfahre Kolumbus‘ namens Jialunbaike [Galen Bocca? So nannte ihn Jay Leyda und seitdem zieht der Name sich durch die chinesische Filmgeschichte], ohne den neuen Kontinent zu kennen, das große Geld machen wollte. Lange schon bewunderte er dieses Abenteurerparadies, er ließ alles hinter sich, nahm einen nicht mehr ganz neuen Projektor, ein paar alte Filme und fuhr mit dem Schiff zum fernen Huangpu-Ufer. Er war darauf aus, im Land des Pfirsichblütenquells sein Glück zu machen, im Märchenland reich zu werden, und ein sorgenfreies Leben zu führen.

Mit diesem Wunschdenken und den besten Absichten, dem alten Gerät und den alten Filmen begann er in Teehäusern und Restaurants der Konzession Filme zu zeigen, aber sein Traum verwirklichte sich nicht. Bald darauf mietete er eine Eislaufhalle in Hongkou. Aber auch das war nicht besser.

Ausländische Filme waren [damals] exotisch und hätten eine Sensation sein müssen. Unerwarteterweise blieb der Erfolg aus. Mögliche Gründe waren wohl, dass der Projektor alt und nicht hell genug war, dass die Filme alt und zerkratzt, ihre Geschichten zu simpel waren, das beeindruckte niemanden. Die Zuschauerzahlen sanken, das Geschäft brach ein, er kämpfte ein paar Jahre, aber irgendwann ging es nicht mehr. Das Abenteuer war aus, der Traum zerplatzt, sodass er 1904 das Feld einem anderen Spanier überlassen musste: Antonio Ramos.

Ramos setzte auf neueste Pathé-Filme

Antonio Ramos war arm und besaß kein Eigenkapital. Bocca überließ ihm bereitwillig sein Equipement und lieh ihm darüberhinaus 500 Yuan als Startkapital. Ramos war schon länger in der Stadt und kannte sich in Shanghai aus. Man könnte ihn als alten Hasen bezeichnen, einfallsreich und anpassungsfähig, er wusste, dass die Shanghaier sich für Neuigkeiten begeisterten, sowie Tricks und Späße liebten. Boccas Projektoren und Filme waren veraltet, dafür ließ der Chinese nichts springen. Wenn man wirklich ins Filmgeschäft einsteigen wollte, musste was Neues her. Zu der Zeit hatte die französische Firma Pathé Records an der Sichuan- Ecke Renjilu ein Geschäft, der chinesische Mittelsmann hier war Zhang Changfu 张长福 aus Ningbo. Er interessierte sich für Film und sollte später Berater bei der Mingxing werden. In dem Geschäft wurde sowohl Musikaufnahmen als auch Filme von Pathé vertrieben. Das waren die ersten importierten Filme. Das frühe Shanghai war ein Paradies für französische Filme, bis bei Ausbruch des 1. Weltkrieges die Verkehrswege unterbrochen wurden, und mit dem Kriegseintritt Frankreichs die dortige Filmproduktion zum Erliegen kam. Diese Gelegenheit nutzte Amerika, sodass der chinesische Filmmarkt in der Folge von Hollywood dominiert wurde. […]

Nachdem also Ramos die Geschäfte von Bocca übernommen und darüberhinaus auch noch 500 Yuan zur Verfügung hatte, überlegte er nicht lange und ging zur Pathé, um ein paar neue Filme zu leihen. Französische Landschaften, ausländische Wochenschauen und wohl auch lustige Kurzfilme: So ‚was gab es wirklich noch nie zu sehen. Die Tricks waren gut, die Machart neu, das traf den Geschmack der Shanghaier. Nun musste noch Werbung her für das neue Business. […]

Zuerst zeigte Ramos seine Filme in der Zhapulu in Hongkou, in der ehemaligen Eislaufbahn. Aber der Ort war jwd, es gab nur wenige Anwohner und er lag nicht verkehrsgünstig. Dann ging er ins Tong’anju-Teehaus, doch das war nicht viel besser. Er hatte seine Lektion gelernt und beschloss, noch einmal umzuziehen und neu zu starten.“

Für Antonio Ramos spielte die Geschäftsadresse eine entscheidende Rolle und so hatte er es auf die Simalu und den Grünen Lotus-Pavillion abgesehen. Hier war immer was los und die Simalu (四马路), heute Fuzhoulu, lag im Herzen der Stadt. „Oben Teehaus, unten Vergnügungsstätte war der Grüne Lotos-Pavillon vor allem ein Ort der Kleinkriminalität und Korruption. Mitglieder von Geheimgesellschaften, Agenten und andere Halunken trafen sich hier und suchten ein Auskommen. Sie mischten sich in kleinen Gruppen unter die Leute oder saßen am Tisch, tranken ihren Tee und sahen sich um, man suchte Ärger. Fand man schließlich so ein Landei, versprach das profitabel zu werden. Man fing grundlos Händel an und schikanierte ihn […], bis er ihnen Geld gab und machte, dass er davonkam.“

1904 eröffnete er hier 东方第一游戏院, das erste Kino des Ostens. Bis 1907 wurden laufende Bilder projeziert. Spätere Größen der Shanghaier Filmindustrie, wie Zhou Jianyun, einer der Gründer der Star-Film-Gesellschaft (明星制片公司), sollen hier ihre Liebe zum Kino entdeckt haben.

„1904 mietete Ramos einen kleinen Raum im Erdgeschoss und richtete hier das erste Kino Shanghais ein. Ein Laken diente als Leinwand und gegenüber stand der Projektor, bestückt mit den neuesten Kurzfilmen von Pathe. Nun konnte man mit den Vorführungen beginnen, wie in einem richtigen Kino. An der Tür hingen Fotos und Werbung, es wurden Musikler engagiert, die rot-grüne Uniformen trugen und tüchtig Lärm machten, als spielten sie zu einer Beerdigungsprozession auf. Es gab Rabatte und die Leute kamen, um zu gucken, was was da gab, schließlich wollte jeder der erste im Kino sein und das Geschäft blühte.“

Schon wenige Jahre danach, 1908, errichtete Ramos in der Haininglu/ Ecke Zhapulu das erste Filmtheater Shanghais, das Hongkew Kino (虹口大戏院).

Cheng Bugao: Die ersten Filme in Shanghai und der Grüne Lotus-Pavillon
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