Zum Frühlingsfest 2026, es begann das Jahr des Feuerpferdes, veröffentlichte Jia Zhangke in den sozialen Medien einen Neujahrsgruß besonderer Art. „Jia Zhangke’s Dance“ ist ein fünfeinhalbminütiger Kurzfilm, gesponsert von und erstellt mit Seedance 2.0. Das ist bzw. war der im Juni 2025 auf den Markt gebrachte KI-Video-Generator von ByteDance. Im Originaltitel jedoch taucht statt des Regisseursnamens sein populärer Nickname Jia Kezhang auf, was soviel wie Abteilungsleiter Jia bedeutet.
Bei der Aufzeichnung einer Show sieht sich der Regisseur Jia Zhangke mit einer digitalen Version seiner selbst konfrontiert. Allerdings ist diese etwas schlanker und hat glattere Haut. Aber soll das schon alles sein? Die beiden fachsimpeln über Technologie, Autorenschaft und künstlerische Kontrolle und darüber, ob denn KI auch kreativ sein kann. Darauf versetzt das Double den Regisseur in Szenen aus seinen eigenen Filmen und fügt am Ende hinzu, doch einen Blick in die neue Zeit zu werfen. Der Regisseur protestiert, dieser Satz sei doch nie in seinen Filmen gefallen. Schließlich entpuppen sich das Double und der Regisseur alle beide als KI generierte Darsteller, die darüber klagen, wie schwer es sei, den wirklichen Jia Zhangke darzustellen, weniger vom äußeren Erscheinungsbild her, als von seiner geistigen Haltung.
Seedance hat natürlich die Rechte für die Benutzung des Songs „Go West“ von den Pet Shop Boys erworben und auch den wahren Jia Zhangke für die Arbeit und das Zurverfügungstellen seiner Person und seiner Filme bezahlt. Allerdings geht das Unternehmen sonst wohl laxer mit diesen Fragen um. Was also, wenn es nicht um Werbung für ein neues Produkt mit einem weltberühmten Gesicht geht?
Ist KI eine Bedrohung für den Film?
Jia Zhangkes pointierter Neujahrsgruß stellt die richtigen Fragen. Aber Schauspieler sind entbehrlich, Filme werden billiger, können schneller produziert werden. Das ist im Sinne kapitalistischer Ökonomie ein klarer Vorteil. Von 128 000 veröffentlichten filmischen Kurzdramen im ersten Quartal 2026 waren 95 % KI-generiert. (Süddeutsche Zeitung 29.7.26). Das sind keine Filme und schon gar keine Kinofilme, aber es zeigt, in welche Richtung die Reise gehen kann, denn es ist ein hervorragendes Trainingsfeld für die Zukunft. Von ästhetischen Zumutungen soll hier gar keine Rede sein, denn dann wäre auch zu fragen, warum viele Zuschauer darüber hinwegsehen, warum sie „Allesfresser“, bloße Konsumenten geworden sind.
Auf Weibo schrieb Jia Zhangke: „Ich mache mir keine Sorgen darüber, ob die Technologie das Kino „ersetzen“ wird. Seit seinen Anfängen hat das Kino stets mit neuen Technologien koexistiert. […] Was zählt, ist, wie die Menschen die Technologie nutzen. Wenn dieser Kurzfilm das Publikum dazu bringen kann, nach dem Lachen einen Moment innezuhalten und über das Wesen des Schaffens nachzudenken, dann hat seine Existenz bereits einen Sinn.“
Das war auch nicht der erste Ausflug Jia Zhangkes in die Welt der humanoiden Robotik. 1924 drehte Jia Zhangke mit „Wheat Harvest“ (麦收) und mithilfe von Kling AI, dem Videogenerator von Kuaishou, einen von insgesamt neun Kurzfilmen, für die die Beijinger Stadtregierung bekannte Regisseure angefragt hatte. Herausgekommen ist ein kleiner, kitschiger Film, in dem der Besitzer eines Roboters diesen zu seinen betagten Eltern nach Shanxi schickt, damit er ihnen bei der Weizenernte hilft. Doch auch hier zeigt sich, dass KI eher als Chance, denn als Bedrohung gesehen wird. Und 2025 stritt sich der Regisseur mit einem Roboter über die richtige Zubereitung von Nudelteig, 贾樟柯跟AI机器人杠上了. Guten Appetit! Und lasst uns einen Blick in die neue Zeit werfen!
