Cheng Bugaos Erinnerungen an die Filmwelt (影坛忆旧) ermöglichen Einblicke ins Shanghai vor 1924, dem Jahr, als er selbst begann Filme zu drehen.
„Als ich in Shanghai studierte, gab es den Grünen-Lotos-Pavillon schon längst nicht mehr.“
Der legendäre Grüne Lotos-Pavillon (青莲阁) war ein Teehaus in der Simalu (heute: Fuzhou Road), in dem Antonio Ramos (1878 Alhama de Granada – 1944 Madrid) Filme vorgeführt hatte. Dann eröffnete er 1908 in der Zhapulu/Ecke Haininglu sein erstes Kino, das Hongkew Cinema.

„Ich war Filmfan durch und durch. Nachmittags guckte ich mir zwei Filme nacheinander an und fand das noch wenig. Die Schule befand sich in der französischen Konzession. Weit entfernt davon gab es das Hongkew Kino (虹口大戏院). Die Fahrt zog sich, man musste die Straßenbahn nehmen und umsteigen, das dauerte bestimmt eine Stunde. Wenn es also einen Film gab, den ich sehen wollte, nahm ich lieber eine Rikscha.“
Die Schule, das war die Aurora-Universität (震旦大学), die sich in der Avenue Dubail (heute: Chongqingnanlu) befand.

„Das Kino war klein, hatte wenig Plätze, Lehmboden, im Winter kalt, Holzsitze , der Applaus hallte, so wie es eben in drittklassigen Kinos war. Das Publikum bestand hauptsächlich aus Kantonesen, man redete laut, dazu gesellte sich das Klappern der Holzschuhe und der Applaus, es war also sehr laut.“
Der Saal hatte 250 Sitzplätze, Ramos zeigte hier ältere ausländische Filme, für die er wenig Geld bezahlte. Der auf dem oberen Photo links annoncierte Film „Two Flaming Youths“ ist eine heute als verloren geltende amerikanische Stummfilm-Komödie von John Waters aus dem Jahr 1927. Mit dem Hongkew-Cinema war der Grundstein für Ramos‘ Kino-Imperium, welches einmal acht Kinos umfassen sollte, gelegt.
1914 ließ er in der Bubbling Well-Road das Olympic Cinema (夏令配克大戏院) errichten. Hierfür arbeitete er mit dem damals einzigen spanischen Architekten in Shanghai, Abelardo Lafuente (1871 Madrid – 1931 Shanghai), zusammen. Der baute noch einige Kinos für Ramos und errichtete 1923/24 auch das Sommerhaus für die Familie Ramos in der Darroch Road (Duolunlu). Es sollte mit seinen neoarabischen Elementen und extra aus Spanien importierten Fliesen an die Alhambra in Granada erinnern. Bekannt ist das Gebäude heute als HH Kung-Residenz. Kong Xiangxi zog ein, nachdem Antonio Ramos, der King of Cinema, 1926 reich nach Spanien zurückkehrte und dort Kinos eröffnete.


Das Hongkew- wie auch das Olympic-Kino in Shanghai mussten in den 1980ern dem Stadtumbau weichen.
Cheng Bugao fuhr nach dem Film im Hongkew-Kino nicht gleich zurück zur Aurora-Universität, „sondern lief zur Restaurantgasse in der 4. Straße und bestellte eine Schüssel Xianpaofan, d.i. Brühreis mit eingelegtem Gemüse und Fleischstreifen. Die Portionen waren reichlich, viel Brühe, viel Geschmack. Das war jeden Mao wert, preiswert und gut. Man konnte sich so richtig satt essen, bis einem selbst im Winter warm und wohlig war. Manchmal, wenn noch Zeit war, spazierte ich durch die Sichuan-Straße und guckte in die westlichen Buchläden. Jeden Monat gab es drei-vier amerikanische Filmzeitschriften, englische gab es nur eine und französische so gut wie nie. Ich suchte mir welche aus und las darin, wenn ich herkam. Und heimlich, damit kein Gerede der Mitschüler aufkommt, schrieb ich auch ein bisschen über Filme, übersetzte ein paar Geschichten und schrieb Rezensionen. Die damaligen Leser waren beeindruckt, aber wenn ich das heute lese, ist es lächerlich.
Ich schickte die Artikel an alle möglichen Zeitungen und Beilagen. Kurze Nachrichten brachten zwei Mao, längere Artikel wurden nach Zeichen bezahlt: ein Yuan für 1000 Zeichen. Ich kannte damals niemanden bei den Zeitungen. Ich schickte einfach die Artikel hin, weil ich ein riesengroßer Filmfan war.
Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als ein Artikel abgedruckt wurde, ich konnte es kaum glauben, las ihn wieder und wieder und freute mich, wie verrückt. Als ich am Abend einschlief, lächelte ich im Traum. Die Zeitung bewahrte ich auf wie einen Schatz, mit der Zeit war sie ganz vergilbt. Damals kannte niemand mein Geheimnis. Aber nun gab es einen Kontakt. Der Artikel enthielt weder Name, noch Adresse. Von da an habe ich so ein verrücktes englisches Pseudonym, was keinen Sinn ergab, benutzt: KKK. Ich fand das amüsant. Als ich damit unterzeichnete, dachte ich nicht, dass sich daraus eine Karriere entwickeln würde.“
