Erzählen verändert sich
Eine Geschichte mit filmischen Mitteln zu erzählen scheint nicht mehr dringlich, es ist nur ein Mittel unter anderen. Das Lieblingswort in Filmbeschreibungen lautet hybrid: als Verbindung von Dokumentar- und Spielfilm, von Animations-und Spielfilm, als Figurencharakterisierung, als Zusammenspiel von professionellen und nichtprofessionellen Darstellern. Als wenn das allein ein Qualitätsmerkmal wäre? Ausnehmen von dieser irgendwie suchenden Beliebigkeit würde ich in diesem Berlinalejahrgang lediglich Antony Chens Wettbewerbsbeitrag „We are all Strangers“ (我们不是陌生人) und Xu Zaos Debut „The Light Pillar“, auch wenn letzterer ziemliche Längen hatte. Anthony Chens vermeintlich kleine Familiengeschichte erzählt viel über das Leben der chinesischen Community im Einwanderungsland Singapur, ihren Überlebenskampf und ihre Träume von sozialem Aufstieg. Nach „Ilo Ilo“ (爸妈不在家) und „Wet Season“ (热带雨) ist es der dritte Film seiner sogenannten Growing up-Trilogie mit den Darstellern Yeo Yann Yann und Koh Jia Ler in verschiedenen Figurenkonstellationen.
„Singapur ist ein unglaublicher Mikrokosmos. Eine lokale Geschichte zu erzählen, bedeutet hier zwangsläufig eine globale Geschichte zu erzählen“, so der Regisseur. „Die Ängste meiner Figuren in Bezug auf Lebenshaltungskosten, Zugehörigkeit, das Fußfassen in einer sich schnell verändernden Umgebung, sind lokale Ausdrucksformen einer universellen Unruhe in der modernen Welt. Die Stadt selbst wird zu einer Figur, deren Seele zwischen persönlichen Erinnerungen an Heimat und dem immensen unpersönlichen Druck des globalen Marktes hin- und hergerissen ist.“

Noch in letzter Minute wurde „The Light Pillar“ (寒夜灯柱) für die Sektion „Perspectives“ nominiert, die sich Debutfilmen widmet. 2023 hatte der Regisseur Xu Zao für seinen mittellangen Zeichentrickfilm „No Changes have Taken in our Life“ (还内样) auf dem Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm eine Goldene Taube erhalten. Nun also sein Langfilm-Debut: Ein verwaistes Filmstudio wird von ein paar schlecht bezahlten Leuten offen gehalten, die hier Schnee schippen. Einst repräsentierte es die Welt, heute ist die Welt virtuell immer präsent, ein Flug ins All ist normal, nicht nur für Millionäre.
Dreht man in der Zukunft Kinofilme?
Als Lao Zha in dieser nicht konkret benannten Zukunft statt seines Lohns vom klammen Studioboss eine VR-Brille bekommt, wird er mehr und mehr in die virtuelle Welt da draußen hineingezogen. Endlich trifft der Single eine Frau, die ihn versteht, ihm den Flug zum Mond verspricht und ihn um sein Erspartes bringt. Die Bilder dieser virtuellen Welt sind real gefilmt. Grobkörnig und in Farbe erinnern sie an Home-Videos und an eine Zeit, als die Welt noch eine bessere zu sein schien. Lao Zha schlendert mit seiner Angehimmelten im Sonnenschein durch einen Themen-Park, sie essen Eis, gehen simplen Vergnügungen nach. Die Szenen in dem sterbenden Filmstudio, wo Lao Zha und seine wunderbare Katze, die früher Schauspielerin war, leben, sind hingegen gezeichnet. Die virtuelle und die reale Welt mussten sich in ihrer Darstellung ja unterscheiden. Der Film ist voll von charmanten Regieeinfällen, wie dem, die reale Welt klar und schön zu zeichnen, die virtuelle aber auf Realfilm zu bannen. Auf dem weitläufigen Gelände des Old-New-East-West-Filmstudios gammeln chinesische Paläste und westliche Architekturikonen vor sich hin, da kann sich die immer wiederkehrende Rattenfamilie im Schnee schon mal verlaufen. Der Geräteraum für die Angestellten, unter denen übrigens auch ein eigensinniger Staubsaugerroboter ist, befindet sich am Hintern der Sphinx. Und über allem liegt eine leise schneebedeckte Melancholie. Doch dann will ein alter, berühmter Regisseur hier drehen. Aufregung, dass es doch noch einmal aufwärts gehen könnte. Ende gut, alles gut? Er will keine Tricks, sondern echte Bombardements von Außerirdischen, die die Erde angreifen und das Studio in Schutt und Asche legen. Aber Xu Zao ist optimistisch: „Ich würde nicht sagen, dass das Kino untergegangen ist, sondern dass es in einer anderen Form weiterlebt. Solche Veränderungen sind unvermeidlich.“
Vom Rückzug ins Private
Eine junge Frau aus Shanghai sucht in Xishuangbanna nach Spuren ihres verstorbenen Vaters. Eine andere in „Two Mountains weighting down my Chest“ sucht in Berlin und Beijing nach sich selbst. Die Identitätsfrage, die jede junge Generation irgendwann umtreibt, spitzt sich für Viv Li zu: Gehört sie zu ihrer chinesisch-konservativen Familie oder ist sie Teil einer längst globalisierten Welt? In Berlin stellt sie dazu noch die Frage nach der sexuellen Orientierung und dieses Zusammentreffen führt zu durchaus skurrilen Momenten, doch der Film bleibt leider beliebig. Die Absurdität der Selbsthilfegruppe für sexuelle Orientierung wird von der Filmemacherin nie als solche hinterfragt. Oder meint sie es ernst? Alles bleibt im Offenen.

Der Vater der jungen Frau aus Shanghai hatte als Gebildeter Jugendlicher hier auf den Kautschukplantagen seine Jugend verbracht. Sie streift durch Ruinen der Ostwind-Farm, trifft ein paar Menschen, die ihn noch kannten, erfährt die landwirtschaftlichen Veränderungen vor Ort und die Schönheit dieser ruhigen üppigen Landschaft. Alles vollzieht sich in unendlicher Langsamkeit und – von den Gesprächen abgesehen – Stille. Behutsam werden neue Verbindungen geknüpft. Diese „Tochter aus Shanghai“ (上海女儿)– so der Filmtitel – fragt nicht, warum der Vater hierher geschickt wurde oder wie er hier lebte. Die Politik von damals spielt keine Rolle. Und dann wird, eher beiläufig, von noch einer „Tochter aus Shanghai“ erzählt. Eine Familie vor Ort hat sie damals adoptiert. Auch ihre Eltern waren während der Kulturrevolution als Gebildete Jugendliche aufs Land geschickt worden. Mit Kind hätten sie nicht nach Shanghai zurückkehren dürfen.
Die Regisseurin Agnis Shen Zhongmin sagte im Interview, dass sie den Raum für Wahrnehmung über ausführliches Erklären stellt. Kino als Gefühl also. Wie wirkt der Film auf Zuschauer, denen China und die chinesische Geschichte unbekannt sind? Nichts gegen persönliche Geschichten auf der Leinwand, wenn das Narrativ dem Zuschauer nicht verschlossen bleibt. Möglicherweise entdeckt die Regisseurin eine Form der Erinnerung, die für sie persönlich fruchtbringend sein mag. Aber Film ist auch ein Medium der Kommunikation. Dem Kampf gegen Schweigen und Vergessen weicht sie aus.
In „Panda“, Zhang Xinyangs Film mit dem chinesischen Titel 伤寒杂病论 (Treatise on Cold Damage and Miscellaneous Diseases), wandern laut Ankündigung normale Menschen suchend durch Nanjing. Vielmehr wanderten da typisierte Figuren durch eine schwarz-weiß gefilmte Endzeitkulisse am Yangtse. Es gab den philosophierenden Vagabunden auf der Suche nach dem Drachen, um in den Himmel zurückzukehren, den gescheiterten Intellektuellen und Selbstmörder, die Kämpferin für Gerechtigkeit, die weniger zurückhaltend als ihr klassisches Vorbild Guanyin war und einen Poeten, der die Menschen mit Gedichten heilt. Daher auch der chinesische Titel, der auf einen medizinschen Text aus der Han-Zeit zurückgeht. Allein Geschichten erzählten die langen 146 Minuten Film nicht, es waren eher Etuden über Figuren. Abgesehen von der großen Yangtse-Brücke bleibt auch Nanjing entgegen der Ankündigung eine Behauptung. Müllkippen, Ruinenästhetik und unterirdische Kanäle hätten ebenso gut zu Horrorfantasien à la „Monster Pabrik Rambut“ gepasst, einem indonesischen Film, der ebenfalls auf der Berlinale zu sehen war.
Vom Kleinen im Großen
Eine Überraschung schließlich war der indische Film „Flying Tigers“. Er hatte nämlich sehr viel mit China zu tun. Den Ausgangspunkt bildet die an Alzheimer erkrankte Mutter der Regisseurin, die ihre Tochter vor Tigern warnt, wenn diese das Fenster offen ließe. Damit beginnt Madhusree Duttas Recherche nach Tigern und was diese in den Erinnerungen der Mutter bedeuten könnten. Sie stößt auf die Flying Tigers, die US-amerikanische Flugstaffel, die über den Hump, die Luftbrücke von Assam nach China über den Himalaya, flog, um die chinesische und die amerikanische Armee mit Nachschub gegen Japan zu versorgen.

Dutta verbindet gemeinsam mit der in Kunming geborenen Medientheoretikerin Mi You und dem in Assam lebenden Forscher Purav Goswami die alten Versorgungswege mit modernen, wie der Neuen Seidenstraße, auf der Rohstoffe und Waren frei zirkulieren. Für die Menschen aber, die beispielsweise in Assams Grenzregion leben, ist es längst nicht mehr so einfach, Grenzen zu überwinden. M. Dutta fügt für den Film Interviews, Archivmaterial, Spielszenen, Animation und Musikeinlagen zusammen. Der filmische Essay weitet sich assoziativ zu einer Kartografie globaler Logistik und menschlicher Sehnsucht ausweitet.
Die Zeiten, da Filmfestivals Filme machten, sind wohl vorbei. Diese Berlinale in Bezug auf Filme des sinophonen Raumes war ein Fest der Entdeckungen neuer Namen, auch wenn einige Filme schnell in Vergessenheit geraten werden.
