Mikroserien, auch Vertikal-Dramen genannt, konzipiert für den schnellen Konsum zwischendurch am Smartphone mit Folgen von 60 bis 90 Sekunden Länge, liegen voll im Streaming-Trend. In China werden 95 Prozent davon inzwischen von einer KI generiert. Das spart kosten- und zeitintensive menschliche Arbeit. Kameramänner, Tontechniker, Schauspieler, Masken- und Kostümbildner etc. waren einmal die Helden von Chinas größten Film-und Fernsehstudios, den Hengdian World Studios (横店影视城) in der Provinz Zhejiang. Noch vor einem Jahr gab es an jedem Drehort hier ein Filmteam. Nun sind die Kulissen verwaist. Die Hengdian Studios versuchten, noch einmal Geld in die Kassen zu spülen, indem sie Touristenführungen über das Studiogelände anboten. Aber auch das genügt irgendwann nicht, so einen Studiokomplex am Leben zu erhalten. Die verbliebenen Schauspieler warten auf eventuelle Jobangebote oder liefern Essen aus. Und selbst dafür werden sie nicht mehr gebraucht, denn hier ist fast niemand mehr, der Essen bestellt.
Man denkt unweigerlich an die dystopische Studio-Szenerie aus Xu Zaos „The Light Pillar“, wo ein verwaistes Filmstudio von ein paar schlecht bezahlten Leuten offen gehalten wurde, die dort Schnee schippten. Das war nicht die Zukunft des Films. Das ist die Gegenwart!
Die Geschichte der Hengdian World Studios begann Mitte der 1990er Jahre, als Xu Wenrong, Gründer und bis 2001 Vorsitzender der Hengdian-Gruppe, hier für Xie Jin die Kopie einer Straße in Kanton baute, damit dieser sein patriotisches Historiendrama „Der Opiumkrieg“ drehen konnte.
Der schnelle Niedergang der Hengdian Studios, die mit dem Erfolg der Vertical-Dramen kurzzeitig noch einmal aufgelebt hatten, ist längst kein Einzelfall mehr.
Auch Film und Fernsehen wollen mitmischen beim großen KI-Boom. Ende August lief im Hunan TV zur besten Sendezeit die erste ausschließlich KI- generierte Langserie, die ein klassisches Fernseh-und Streamingformat, also ein Horizontal-Drama ist: „Die spätere Reise in den Westen“, 后西游记. Davon soll es 30 Folgen à 40 Minuten geben.

Vom Auftrag bis zur Ausstrahlung brauchte das Team drei Monate, wobei lediglich die ersten Folgen fertig gestellt wurden. Die übrigen sollen während der Ausstrahlung produziert und gleich dem Zuschauer-Feedback angepasst werden. Das Modell ist enorm zeit- und kostensparend, und gerade in seiner Anpassungsfähigkeit an Zuschauerwünsche wird von den Machern ein großer Vorteil gegenüber dem Dreh von herkömmlichen Filmen mit großem Team und Darstellern gesehen. Eine hohe Zuschauerquote macht Fernsehsender und Finanziers gefügig. Was aber die Entwicklung der Filmkunst in ästhetischer, visueller narrativer Hinsicht anbelangt, ist es eher wohl ein Schritt zurück. Oder doch ein Schritt in die Zukunft? Nicht das bis zum Ende komponierte und durchdachte Drama spielt eine Rolle, sondern lediglich Kosten und Zuschauerzahlen. Aber weiß der Fernsehzuschauer, was er sehen will? Und ist ein solches Wünsch-dir-was überhaupt wünschenswert?
In der Serie „Die spätere Reise in den Westen“ geht es um eine zweite Generation der Pilger, die 1000 Jahre nach der ursprünglichen Pilgerreise erneut den Weg nach Westen antreten, um die heiligen Schriften zu holen, denn die Welt liegt im Chaos, weil die Schriften missinterpretiert wurden.
Für die Finanzbranche ist die Serie ein glatter Erfolg, wohingegen die Zuschauerreaktionen gespalten sind. Sie reichen von „wegweisend“ bis „oberflächlich“ und bis zu der Frage, ob das denn nicht nur ein weiterer Animationsfilm sei.
