978-3-95757-158-8-x80xx200x-1456303169Zögernd greife ich zu dem Buch. Aber das ist doch uralt. Dann beginne ich doch zu blättern, mag dem Autor aber nicht immer folgen. Denn wenn er seine Gegner wiederholt generalisierend kritisiert, klingt allzu oft verletzte Eitelkeit aus den Zeilen.

Nur kurze Zeit nach den wundervollen Vorlesungen über das Zhuangzi (Das Wirken in den Dingen) erschien ebenfalls im Verlag Matthes & Seitz Jean Francois Billeters Schrift Gegen Francois Jullien. Offensichtlich wollte der Verlag mit der Übersetzung dieser Schrift dem hierzulande wenig bekannten Sinologen und seinem Denken weiteren Raum geben. Jean Francois Billeter, Jahrgang 1939, war bis zu seiner Emeritierung Leiter der Sinologie an der Universität Genf. Forschungsergebnisse dieser Periode mündeten in die im Jahr 2000 am Collège de France gehaltenen Vorlesungen zum Zhuangzi. Das jetzt erschienene Büchlein ist eine Streitschrift, die sich mit den Positionen seines Pariser Kollegen Francois Jullien auseinandersetzt und bei ihrem erstmaligen Erscheinen einigen Staub aufwirbelte. Wer sich 2006 für die Kontroverse interessierte, der hat sie auch zur Kenntnis genommen. Mag man auch bedauert haben, dass Billeters Schrift damals nicht auf Deutsch vorlag. Die als Reaktion darauf im Merve-Verlag erschienene Kontroverse über China schon, was auch als direktes Eingreifen in den Meinungsbildungsprozess gelten darf. Abgesehen davon sind solcherart Kontroversen in der akademischen Welt spannend und fruchtbar, doch besitzen sie immer auch eine gewisse zeitliche Aktualität.

Es ist also wenig nachvollziehbar, warum das Büchlein erst jetzt, mit fast zehnjähriger Verspätung in deutscher Sprache erscheint.

Wer wenig Berührung mit China und der Sinologie hat, der wird nicht zu diesem Buch greifen. Es richtet sich also an ein kleines, eingeweihtes Publikum und bedient damit einen Vorwurf Billeters an die Sinologie. Nämlich nicht zur breiten Verständigung über China beizutragen und in ihrem eigenen Saft zu schmoren.

Dazu tragen, so Billeter, unter anderem auch schwer verständliche Übersetzungen bei, die den Gegenstand eher entfremden und exotisieren, als dem Leser und seiner Lebenswirklichkeit nahebringen.

Und da sind wir auch schon beim Grundvorwurf Billeters an Francois Jullien, dass er nämlich China exotisiere und als das Andere schlechthin darstelle. Damit setze er die Tradition von Viktor Segalen, Richard Wilhelm und vielen anderen fort. Um die These des andersartigen China und einer anderen Denktradition, die Jullien mit der unseren vergleicht, um dem abendländischen Denken wieder neuen Schwung zu verleihen, zu stützen, greife er außerdem auf selektive Quellen zurück. Aber wer versucht schon, seine These in den eigenen Schriften zu widerlegen? Verlangt er da nicht ein bisschen viel? Das chinesische Denken, ein laut Billeter schon fragwürdiger Begriff, jedoch dem abendländischen gegenüberzustellen, verbietet sich, so Billeter, ob ihrer unterschiedlichen Voraussetzungen. Billeters Prämisse, dass die chinesische Philosophie zumindest seit der Han Zeit (206 v.Chr. – 220 n. Chr.) der Untermauerung der imperialen Herrschaft als einer natürlichen dient, steht am Anfang seiner Überlegungen. Francois Jullien sei darüber einfach unkritisch hinweggegangen. Da hört man mehr als nur philosophische Argumente. Antworten auf Billeters Vorwürfe und Auseinandersetzungen mit dem Ansatz Francois Julliens finden sich in dem oben schon erwähnten Band, der 2008 erschien. Aber ob eine Nachlese sich überhaupt aufdrängt in Zeiten abgeflauter Chinabegeisterung, bleibt fraglich.

Jean Francois Billeter: Gegen Francois Jullien, 142 Seiten, Softcover, Matthes & Seitz Berlin, 15,00 €

in: Ruizhong 1/16