The Toll of the Sea © UCLA Film & Television Archive

The Toll of the Sea © UCLA Film & Television Archive

Begegnungen mit China im Film kommen längst nicht nur aus China, wie der 1922 gedrehte amerikanische Farbfilm „The Toll of the Sea“ zeigt. Der Film ist einer der frühesten und dazu noch erhaltenen Farbfilme überhaupt, lediglich die Schlusssequenz des Originalnegativs war im Laufe der Zeit abhanden gekommen und wurde bei der Restaurierung 1985 nachgedreht. Der Stummfilm lief in der Technicolor-Retrospektive der Berlinale 2015 als Beispiel für frühe Farbfilmexperimente. In Zweifarben-Technicolor gedreht, nämlich grün und rot, sehen wir Anna May Wong als Lotosblume, meist in grün-schimmernde Gewänder gehüllt, in ihrem Garten voller zarter roter Rosen, ein Blütentraum mit chinesischem Flair, frei nach „Madame Butterfly“. Die siebzehnjährige spielte in dem Film von Chester M. Franklin ihre erste Hauptrolle zu Beginn ihrer Karriere als erster chinesischer Star in Hollywood.
Ein anderes, bemerkenswertes Detail ist der Umgang mit Zwischentiteln und den verschiedenen Sprachen im Film. Wenn Chinesisch gesprochen wird, beispielsweise wenn Lotosblume anderen Frauen aus dem Dorf begegnet oder mit ihrem Diener spricht, dann wird das in den Zwischentiteln grafisch erkennbar gemacht.
An der chinesischen Küste rettet sie einen amerikanischen Seemann, verliebt sich in ihn und verlobt sich mit ihm. Dann wird er zurückgerufen, und seine Freunde raten ihm ab, Lotosblume mitzunehmen, denn sie sei so anders. In Amerika vergisst er sie und heiratet eine andere. Lotosblume aber, mit ihrem gemeinsamen Kind, vergisst nicht, sie wartet darauf, dass er zurückkommt und sie in dieses Amerika mitnimmt. Er kommt zurück, denn seine Frau möchte, dass Lotosblume die Wahrheit erfährt. Diese empfängt die beiden im Rosengarten ohne sich ihre Enttäuschung anmerken zu lassen, sie trinken Tee, schließlich übergibt sie ihnen das Kind. Denn es ist eine alte Geschichte, dass die See ihren Tribut fordert, wenn man das, was man ihr entreißt nicht pflegt und mit ihm glücklich ist. Wer muss da nicht an Heine denken: „Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu; und wem sie just passieret; dem bricht das Herz entzwei.“
„The Toll of the Sea“ ist ein Kleinod, an dem man heute noch sehen kann, was schon im frühen Film möglich war.