Wieder Februar – wieder Berlinale-Zeit. Ein Blick ins Programmheft ernüchterte zu hohe Erwartungen an chinesische Filme. Man setzte in diesem Jahr vor allem auf große Namen und Altbewährtes: Bitte keine Experimente. Taiwan zeigte im Panorama den Omnibusfilm „10 + 10″ (十加十). Nein, das war kein Film, der in einem Omnibus spielte. Omnibusfilm – das ist nur das schöne altmodische Wort für den kälter klingenden Episodenfilm. Der Film besteht aus zwanzig Fünfminütern, die ein Bild von Taiwan abgeben sollten. Die kurzen Filme zeigten, was bekannte oder auch weniger bekannte Regisseure bewegt, wenn sie an ihr Land denken. Und so entstand ein Strauß unterschiedlichster Bilder, mal melancholisch, mal schräg, ein bisschen langweilig, nachdenklich, oder komisch. Ein wenig Hintergrundwissen war da manchmal ganz hilfreich. Wei Te-sheng zeigt beispielsweise in „Debut“ das Portrait Lin Ching-tais. Während die Off-Stimme eine Art Gebet spricht sehen wir Lin Ching-tai, den Hauptdarsteller aus „Warriors of the rainbow: Seediq Bale“ (Regie: Wei Te-sheng) kurz vor seiner Abreise zu den Filmfestspielen Venedig und bei Alltagsbeschäftigungen, denn Lin ist nicht eigentlich Schauspieler. Als Angehöriger des Atayal-Stammes ist er Chef seines Dorfes und auch dessen Pastor, er engagiert sich für die Wahrung der Traditionen der Ureinwohner und ist nun Hauptdarsteller auf dem Weg nach Europa. Diese Momentaufnahme öffnet plötzlich eine Dimension, die üblicherweise vom Glamour auf dem roten Teppich zugedeckt wird. Mein Lieblingsfilm war der skurile und schräge „Hippocamp Hair Salon“ von Chen Yu-hsun. In diesem Frisiersalon kann man sich die Erinnerungen aus dem Kopf waschen lassen, wie es eine junge Frau wünscht. Sie begehrte einst die wahre Liebe eines Callboys, der ihr doch nur selbige schwor, weil es zum Service gehört. Dafür musste er sterben. Daran will sie nun nicht mehr denken müssen. Aber auch seinen Kopf hat die junge Frau dabei, denn vielleicht kann man ja die Erinnerungen zurückwaschen… Ein vielfarbiges Filmpaket, was zu den diesjährigen Berlinale-Plakaten passte. Etwas klebrig und bonbonfarben hingegen war der zweite taiwanische Beitrag, „Love“ von Doze Niu Chen-zer. Es geht also um die Liebe, um das Finden und Neufinden von Paaren. Mittendrin erleben wir den Regisseur als alten reichen Sack, der sich eine Geliebte hält. Die wiederum stellt inmitten ihrer zahlreichen Paar Schuhe Handtäschchen schwenkend und Champagner trinkend fest, dass sie sich immer hat von Männern aushalten lassen und will das vielleicht ändern. Das bleibt so sehr Behauptung, wie auch die Gefühle in diesem Film.

Vor zwei Jahren wurde Doze Niu Chen-zers „Monga“ noch als Wiederauferstehung des taiwanischen Kinos gefeiert. Diesmal waren höchstens Liebhaber von Fernseh-Soaps begeistert. Ich war entgeistert von so wenig Tiefgang.
Es hieß, dass in diesem Jahr der Filmmarkt noch besser als zuvor besucht gewesen sei und dass immer mehr Einkäufer aus China kommen. Vielleicht läuft dann in China Besseres auf den Leinwänden als das, was in diesem Jahr aus China hier zu sehen war. Im Wettbewerb liefen die Filme von zwei ehemaligen Bärengewinnern, von Wang Quan’an und Zhang Yimou, sowie der erste 3D-Film Tsui Harks, die beiden letztgenannten außer Konkurrenz.
Der Gewinner des Goldenen Bären 2007 verfilmte mit „White Deer Plain“ (白鹿原) den gleichnamigen Roman von Chen Zhongshi, für den jener 1998 den Mao Dun-Literaturpreis bekam. Wang Quan’ans langatmiges Dorfepos zeigt anhand der Väter und Söhne der Familien Bai, Lu und eines Dieners von Bai Jiaxuan beispielhaft das Schicksal Chinas vom Ende der Qing-Zeit bis zur japanischen Invasion. An zentraler Stelle steht die Affaire des Erntearbeiters Hei Wa, des Sohnes jenes Dieners, mit Tian Xiao’e, der Frau des Grundbesitzers. Sie kehren nach Bailuyuan zurück und möchten dort leben, aber werden aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Der Regisseur zeigt die Figuren, aber erzählt nicht ihre Geschichten, mit Ausnahme derer von Tian Xiao’e. Die Zeiten sind schnelllebig und mit ihnen wechseln die Herrschaftsverhältnisse. Wer gerade das Sagen hat, Grundbesitzer, Kommunisten, Guomindang ändert sich laufend. Tian Xiao’e wird inmitten dieser Männerwelt zum Rachewerkzeug und muss am Ende selbst sterben. Der gestrenge Dorfälteste Bai Jiaxuan bleibt zwar, aber auch er kann die Veränderungen nicht aufhalten. Dieser Figurenreigen bebildert die Zeit.
Der Film bedient sich der klassischen, von der chinesischen Malerei inspirierten Ästhetik. Eine Abfolge von Szenen gleitet über die Leinwand, über die das Auge des Zuschauers wie beim Betrachten eines Rollbildes wandert. Aber man wird nicht festgehalten, die Figuren und Geschichten vermögen nicht wirklich zu packen. In der visuellen Tradition wie auch in den klassischen Romanen Chinas wurde vermieden, die innere Welt der Figuren zu schildern, stattdessen fesselte man den Betrachter bzw. Leser durch weitschweifige Plots. Eine Darstellungstradition, die der westlichen diametral entgegengesetzt ist. Und so können diese drei Stunden schon sehr lang werden. In Interviews hatte Zhang Quan’an geäußert, dass die Notwendigkeit der Kürzungen (auf eine angemessene Wettbewerbslänge bei internationalen Festivals) die Vollkommenheit des Filmes zerstört hätte. Die erste Fassung war fünf Stunden lang und zum Glück blieb uns das erspart.
Für die schönen exotischen Bilder aus dem Dorfleben in Shaanxi gab es einen silbernen Bären. Ich fühlte mich immer wieder an die frühen Filme der 5. Generation erinnert. Die wogende Hirse aus Zhang Yimous „Rotem Kornfeld“ ist hier computerbewegtes Maisfeld. Die Szene, da die Einwohner von Bailuyuan um Regen bitten evoziert die Schlussszene aus „Gelbe Erde“ von Chen Kaige, bei dem Zhang Yimou übrigens die Kamera führte … und immer wieder der Blick in die Landschaft. Ich würde Wang Quan’an gern zugutehalten, dass es eine Hommage an jene Filme der achtziger Jahre ist.
Nicht erspart blieben uns die „Blumen des Krieges“ von Zhang Yimou. Nun hat auch er sich also dem nationalen Trauma der Chinesen zugewandt. Man wollte das Thema schließlich nicht den Deutschen überlassen und mit John Rabe als Held von Nanjing gar einen Deutschen in den Mittelpunkt der tragischen Ereignisse gerückt sehen. Dabei übersieht man gern, dass im gleichen Jahr wie Florian Gallenbergers „John Rabe“ (2009) der wunderbare chinesische Film „Nanjing! Nanjing!“ (City of Life and Death) von Lu Chuan entstand, ein Film, der die Perspektiven verschiedener Beteiligter einnimmt: unter anderem die eines japanischen Soldaten, der sich am Ende des Films das Leben nehmen wird. Menschliche Gefühle auf Seiten der Japaner? – das wurde in China sehr kontrovers diskutiert. Nun also die offizielle Richtigstellung: heldenhafte Chinesen, abgrundtief böse Japaner, ein Quotenausländer und Krieg in den schönsten Farben zerberstender bunter Kirchenfenster. In jener Kirche fanden die Protagonisten von „Flowers of War“ (金陵十三钗) Zuflucht, die Schülerinnen des Konvents, eine Gruppe Freudenmädchen und der Bestatter John Miller, verkommen und versoffen. Draußen ist da noch der tapfere Soldat, der letzte seiner Kompagnie, der den Ort bis zum letzten Blutstropfen beschützt. Als aber die Japaner die Konventsschülerinnen für ein Fest anfordern, wandelt sich John Miller zum vorgeblichen Priester und Beschützer der Mädchen. Und nicht nur er: die Freudenmädchen gehen verkleidet als Konventsschülerinnen für sie zu der Feier, wohlwissend, dass sie nicht zurückkehren werden.
Mit dem Thema hat man die Zuschauer eigentlich schon auf seiner Seite. Der halbe Kinosaal weinte vor Ergriffenheit. Zudem war der Film mal wieder der teuerste chinesische Film und man hegte die Absicht, damit den Oskar für den besten ausländischen Film zu gewinnen. Alles war berechnet. Zhang Yimou ist ein guter Handwerker, er weiß, wie man die Zuschauer manipuliert: Zeitlupen, eine romantische Trümmerlanschaft in Grau- und Brauntönen, durch die der Rauch und Staub der letzten Explosion zieht, und dann die Farben der bunten Glasfenster in der Kirche, der Kleider der Freudenmädchen und des spritzenden Blutes, anschwellende Musik. Aber das ist lange nicht genug um 141 Minuten lang die Spannung in einem vorhersehbaren Film zu halten.

Zu den Klassikern, in denen Gut gegen Böse gegeneinander antreten, gehören Martial Arts-Filme. Tsui Hark begibt sich einmal mehr in die Herberge zum Drachentor, diesmal allerdings in 3D. Das Dragon Gate Inn im Wüstensand nahe der Nordwest-Grenze des chinesischen Reiches ist eine legendäre Location für Martial Arts-Filme seit dem 1967 von King Hu gedrehten „Dragon Gate Inn“. 1992 entstand Raymond Lees (Produzent: Tsui Hark) „New Dragon Gate Inn“ und nun „Flying Swords on Dragon Gate“ (龙门飞甲). Die Geschichte variiert von Film zu Film und es werden neue Handlungsfäden eingewoben. Doch wieder ist der Kämpfer Zhao Huai’an (Jet Li) Gegenspieler des mächtigen Eunuchen vom West-Amt. Sie sind hinter einer schwangeren Konkubine hinterher, die von der mysteriösen Ling gerettet wurde. Sie alle treffen in der Herberge zum Drachentor aufeinander. Dort wartet bereits eine andere Klientel auf ihre Chance. Ein Sandsturm droht und er wird den im Wüstensand versunkenen Goldschatz der Xixia freilegen. Eine Chance, die nur alle 60 Jahre wiederkehrt. Allianzen werden geschmiedet, Verwechslungsspiele sorgen für Verwirrung, Liebeshändel werden ausgetragen und schließlich kommt es zum Showdown im Sandsturm.
Gerade für Martial-Arts-Filme mit ihren spektakulären Effekten dürfte die 3D-Technik noch einiges hergeben. Wenn ich dann aber computerspielkleine schmale Schauspieler vor mir agieren sehe, fühlt sich mein an Theater und zahlreichen Filmen geschultes ästhetisches Empfinden sehr gestört. 3D vertreibt selbst aus Kung-Fu-Filmen den letzten Hauch Realismus.
Das Panorama schließlich zeigte noch „Bugis Street Redux“ (妖街皇后) von Yonfan. Ein Film aus dem Jahr 1995 remastered – na toll. Meine Erwartung hielt sich sehr in Grenzen. Aber siehe da, dieser Film voller Wärme für seine Figuren mit einer richtigen Geschichte stellte sich als recht kurzweilig heraus.
Die 16-jährige und naive Lian kommt als neue Angestellte ins Sin Sin-Hotel nahe der Bugis Street. Hier muss sie mit sehr eigenwilligen Damen, deren Geschichten, Eifersüchteleien, Liebeskummer und Übertreibungen klarkommen, um dann auch noch zu erfahren, dass diese Frauen gar keine sind. Aber nach dem ersten Schock lernt sie den Charme und die Wärme der transsexuellen Bewohner des Sin Sin schätzen und wird im umgekehrten Fall auch von ihnen akzeptiert.
Die Bugis Street, heute eine Shoppingmeile, war bis in die achtziger Jahre der Ort in Singapur, wo sich Nacht für Nacht Transvestiten und Transwoman versammelten, ein Magnet für Touristen und Matrosen. Yonfans Film ist also eine Hommage an jene Zeit.
Thematisch passt der Film hervorragend ins Panorama-Programm. Fortissimo-Films, ein Verleih mit zahlreichen asiatischen Filmen im Angebot, hat in den letzten Jahren sämtliche Filme von Yonfan digitalisiert und sie werden ordentlich die Werbetrommel gerührt haben, um diese wieder auf den Markt zu bringen.
Ein Filmbeitrag ragt in diesem schwachen Jahrgang doch über die beschriebenen Streifen aus China hinaus. Es ist der Blick auf China oder genauer Alison Klaymans Blick auf Ai Weiwei, der hierzulande so gehyped wurde, dass man mancherorts schon auf Abwinken stößt, wenn man nur seinen Namen erwähnt. Aber zu Unrecht. „Ai Weiwei: Never Sorry“ ist ein Portrait des Menschen und Künstlers, sowohl für den mit der Person bereits vertrauten Zuschauer, als auch für denjenigen, der sein Denken, seine Art mit der Welt zu kommunizieren und seine Kunst erst entdecken will. Ai Weiwei erzählt über sich, seine Arbeit und wie er zu dem wurde, der er ist, wir sehen seine Umgebung, die Kamera begleitet ihn bei der Arbeit, dazwischen geschnitten sind Statements von Mitstreitern, Galeristen, Kuratoren – wir sehen eine kompromisslose, humorvolle öffentliche Person, die doch offensichtlich sehr bei sich ist, einen Weltverbesserer und Getriebenen, der gegen Ungerechtigkeit seine Stimme erhebt und einen Künstler, dessen Werke in ihrer Sinnlichkeit oft erst ein späteres Nachdenken auslösen und ihre Geschichten preisgeben. Die Entdeckung lohnt sich.

Bleibt zu hoffen, dass das Drachenjahr die Macher und Auswahljurys befeuert, auf dass der nächste Jahrgang spannender werde.

 

(in: dnC 1/2012)