chinabox-cover[1]Eine Chinabox enthält Nahrung, und dass es sich bei dieser Chinabox um jenen Foodcontainer- Pappe, eckig, ohne Henkel – handelt, macht die Umschlaggrafik klar. Das Buch ist nur ein wenig größer, Nahrung enthält es auch, von Fast Food würde ich hier allerdings nicht sprechen. Diese Chinabox ist gewichtig und liegt gut in der Hand. Darin befindet sich eine Auswahl chinesischer Gegenwartslyrik. Und was man beim Foodcontainer lieber lassen sollte, nämlich ihn umdrehen, sozusagen auf den Kopf stellen, das ist hier erwünscht: entweder lese ich die deutschen Gedichtübertragungen, mit Einführungen zu den Autoren und Anmerkungen zu deren Gedichten oder ich drehe das Ganze um und habe die Originale vor mir. Da die letzte Gedichtanthologie schon ein paar Jahre her ist, dürfte die Beschränkung auf zwölf Lyriker_innen nicht leicht gefallen sein. Zumal Herausgeberin Lea Schneider in ihrer informativen Gebrauchsanleitung für das Buch sagt, dass es nach Schätzung von Zang Di (臧棣), dem Dichter und Dozenten für chinesiche Literatur an der Peking Universität, mehr als 1 Million Menschen in China gibt, die Gedichte schreiben. Hier werden zwölf von ihnen vorgestellt, geboren zwischen 1956 und 1980. Chinabox wolle Lyriker_innen vorstellen, die noch nicht ins Deutsche übersetzt worden seien und das breite Spektrum der chinesischen Lyrik repräsentieren könnten, so Lea Schneider. Immerhin ist ein Drittel der vorgestellten Stimmen weiblich und das will schon was heißen. In meiner Rezension zu dem 2004 erschienenen Gedichtband Zhai Yongmings (翟永明) schrieb ich noch, dass sie angetreten sei, die männerrdominierte Dichterszene Chinas aufzumischen. Damals war sie allein auf weiter Flur.

Eine der im vorliegenden Band vorgestellten Dichterinnen ist Zheng Xiaoqiong 郑小琼)eine Wanderarbeiterin, die 2007 überraschenden Liqun-Lyrikpreis erhielt und deren Popularität damit in die Höhe schoss. Ihren Alltag beschreibt sie in stakkatoartigen kurzen Sätzen: tatsächlich sind ihre tage so hart wie uninteressant / […] und sie schreibt gedichte auf der maschine der chinesischen Sprache, […] sie quartiert sich ein / in irgendeiner position am fließband, ersetzt name und geschlecht / durch ihre arbeitsnummer, schleift sich am frästisch / protest und liebe heraus. Und mit ihrem Gedichtzyklus Das Buch der Arbeiterinnen, aus dem ebenfalls ein paar Gedichte in der Chinabox liegen, gibt Zheng Xiaoqiong Kolleginnen ein Gesicht, die sonst nie aus der Masse der Wanderarbeiterinnen heraustreten würden. Bei Zhou Zan (周瓒),einer weiterin Dichterin, erleben wir die Busfahrt des Normalbürgers Zhang San, auf der sich äußere Eindrücke des Pekings der 1990er Jahre mit Versatzstücken aus Filmen, Gedichten und Erinnerungen in einer zunehmend rasanten Fahrt mischen. Ebenfalls voller Zitate und Namen aus der Literatur- und Kunstgeschichte sind die Gedichte Zang Dis (臧棣). Er eröffnet den Band und verortet sich in China und in der Welt mit leisem Humor und präzisen Beschreibungen. Im Frühsommer 2015 waren einige der in dem Band versammelten Dichter_innen in der Akademie der Künste in Berlin zu Gast. Die jetzige Möglichkeit der Nachlese tut gut und ruft Bilder an die Lesung wieder ins Gedächnis, wie beispielsweise die Zang Di umgebende Aura des Dozenten und Senior Poets. Sie sind erwachsen geworden, die jungen Wilden der sogenannten dritten Generation. Sun Wenbo 孙文波), auch einer von ihnen, beschließt die Auswahl. Seine Gedichte fassen das Misstrauen gegenüber jeglicher Vereinnahmung, das Misstrauen gegenüber der Sprache in Worte. Da muss man frei sein wie ein wellensittich, um zum Ursprung der Lyrik zu gelangen, um über die republik der äpfel und die demokratie der orangen zu schreiben. Da ist offenbar etwas gehörig faul im staat der worte. Die Ironie und das Spiel mit Worten und Versatzstücken der Realität, die Lust an Sprache und die Vielzahl der Wahrnehmungen vermittelt sich ganz direkt: Ob in Ming Dis (眀迪visueller Poesie oder den Gedankenminiaturen Yan Juns (颜峻) der in seinen Performances Lyrik, elektronische Musik und Geräusche mischt, ob in Vers- oder Prosagedichten – sie sind nicht fremd, und falls doch, gibt es ja die Anmerkungen der Herausgeberin. Bleibt zu wünschen, dass wir auf die nächste Lyrikanthologie nicht wieder so lange warten müssen und es bald eine Chinabox 2 gibt.

Lea Schneider (Hg.): Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik. Illustrationen von Yimeng Wu. Verlagshaus Berlin, Berlin 2016. 350 Seiten, 24,90 €.