Qin Yi, Jin Yan

Qin Yi, Jin Yan

Eine kleine Notiz besagte, dass Jin Yan (金焰) 1958 in Ostdeutschland war, um dort einen Film zu drehen. Warum hatte ich noch nie davon gehört? Handelte es sich wirklich um den Filmkaiser der Vorkriegszeit? Jenen Jin Yan, der mit Ruan Lingyu (阮玲玉) das Traumpaar des chinesischen Films bis zu ihrem frühen Tod 1935 bildete? Nach dem Krieg war es merklich still um ihn geworden.

Jin Yan war 1946 nach Shanghai zurückgekehrt. 1947 heiratete er in zweiter Ehe die Schauspielerin Qin Yi (秦怡). Sie sollte einer der neuen Filmstars der Volksrepublik werden. Jin Yan versuchte, an seine Vorkriegskarriere anzuknüpfen, aber das gelang kaum. Zwischen 1947 und 1958 drehte er zwar noch acht Filme, aber keiner davon war ein bleibender Erfolg.

Als Kurt Maetzig in den 1950er Jahren den Entschluss fasste, den Roman „Die Astronauten“ von Stanislaw Lem zu verfilmen, sollte das nicht nur der erste ostdeutsche Science-Fiction-Film werden, sondern auch ein groß angelegtes internationales Projekt der Völkerverständigung. Der Roman war 1954 in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Der Planet des Todes“ erschienen. Er spielte im Jahr 2003, zu einer Zeit, da die Erde politisch geeint ist. Im Film „Der schweigende Stern“ trat eine internationale Crew den Flug zur Venus an. Teil dieser Crew war auch ein chinesischer Sprachwissenschaftler, der die Nachricht der Venusbewohner auf der geheimnisvollen Spule, die man gefunden hatte, entschlüsseln konnte. Diesen ruhigen, besonnenen Wissenschaftler, der schließlich auf der Venus sein Leben ließ, sollte Jin Yan spielen.
Die Suche nach einem chinesischen Darsteller lief über offizielle Kanäle. Kurt Maetzig hatte sich an das  Außenministerium und die chinesische Botschaft gewandt, ihm behilflich zu sein. Jin Yan wurde auserwählt,

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die Rolle zu übernehmen. In einem Brief vom 24. Dezember 1957 (1) kündigt er seine Ankunft für den 7. Januar an und teilt seine Körpermaße und Schuhgröße (2) für die anzufertigenden Kostüme mit. „Er bereitete alles akribisch vor. Seine Anzüge wählte er eigenhändig aus und brachte seine Fremdsprachenkenntnisse auf Vordermann, denn schließlich repräsentiere er China.“ (3)

Aus Drehplänen, Spesenabrechnungen und lückenhaften Notizen lässt sich der Aufenthalt rekonstruieren. Nichts in den Archivunterlagen deutet darauf hin, dass Kurt Maetzig den Namen kannte. Dabei war er nicht nur zwei Mal nach China gereist, um Filmprojekte voranzutreiben, in den Aufzeichnungen zu seiner ersten China-Reise (4) im Herbst 1951 schreibt er auch, dass er bei einem Empfang in Shanghai die Schauspielerinnen Shu Xiuwen (舒绣文) und Then Yee (sic!) kennen lernte. Bei letzterer könnte es sich um Qin Yi, die Ehefrau von Jin Yan handeln. Ob sie vielleicht die Auswahl des Schauspielers beeinflusst hat, da sie seinerzeit in einigen Filmgremien vertreten war, wissen wir nicht. Als Jin Yan in Berlin, DDR eintraf, war das Drehbuch noch nicht fertig. Wie er, warteten auch andere Mitglieder der Kosmokrator-Crew auf den Drehbeginn. Jin Yan vertrieb sich die Zeit mit Theaterbesuchen, bekam Fechtunterricht und wurde schließlich mit dem Regie-Assistenten Bernd Braun auf Reisen nach Sachsen und Thüringen geschickt. Hotelabrechnungen und handgeschriebene Frühstücksquittungen zeigen, dass sie u.a. in Weimar, Dresden, Meißen und Leipzig waren. (5) Offensichtlich sprach Jin Yan so gut Englisch, dass kein Dolmetscher für ihn engagiert werden musste. Jin Yan, der Regieassistent und ein Fahrer unternahmen die Reise gemeinsam. Zeitweilig war wohl auch Wu Guojiang (吴国疆), der zu jener Zeit in Leipzig studierte und auch zur Defa Verbindungen hatte, mit von der Partie. Weil das Drehbuch bei ihrer Rückkehr immer noch nicht fertig war, wurden schließlich alle internationalen Schauspieler nach Hause geschickt.
Vor dem Abflug gingen der Produzent und der Regieassistent noch gemeinsam mit Jin Yan einkaufen. „Was er am liebsten wollte, war ein Tonbandgerät. Diese Geräte waren damals ziemlich groß und schwer. Aber in China besaß niemand so etwas. Also hatte er von seinem Geld etwas aufgespart, um so ein Tonband zu erstehen. Er hatte immer gesagt, wenn er ein eigenes Tonband besäße, könnte er viel besser an seinen Texten arbeiten und das wäre eine große Hilfe.“ (6)
Gesagt, getan. Doch dieser Einkauf sollte sich noch als großer Fehler erweisen, denn offensichtlich wurden Jin Yan und sein „Fehlverhalten“ angeschwärzt. Die Botschaft in Berlin gab ihm einen Brief mit auf die Reise, den er bei seiner Ankunft in Peking dem Kulturministerium übergeben sollte.
Der Flug über Moskau nach Peking ging am 8. Februar 1958.
In Peking übergab Jin Yan nichtsahnend einen Brief, der ihn denunzierte. Am nächsten Tag brach er wegen Magenblutungen zusammen. (7) Er litt schon längere Zeit an Magenproblemen. Die Krankheit verschlimmerte sich und Jin Yan sollte bis zu seinem Tod im Jahr 1983 nie wieder einen Film drehen.
Das Filmprojekt „Der schweigende Stern“ wurde unterbrochen. Jin Yans Name taucht ein letztes Mal in der Vorbereitungsliste vom 25.11.1958 auf, wurde dann aber durch Tang Huada (汤化达) ersetzt.

 

(1) AdK Kurt Maetzig Archiv 721

(2) Körpermaße, Schuhgröße und wohl auch ein beiliegendes Foto befinden sich nicht im Archivbestand.

(3) 秦怡: 金焰与我二三事/ Qin Yi: Jin Yan und ich, 2-3 Sachen, http://www.zwszzz.com/qikan/bkview.asp?bkid=169348&cid=520745, zuletzt aufgerufen 13.11.17

(4) AdK Kurt Maetzig Archiv 1128

(5)  BArch DR 117/33043

(6) Qin Yi a.a.O.

(7) vergl. Qin Yi