561kloubert_pekingMit „Peking – Verlorene Stadt“ schloss Rainer Kloubert im Frühjahr 2016 seine China-Trilogie ab. Zuvor erzählte er über den Ausflugsort Peitaiho und den zerstörten Kaiserpalast Yuanmingyuan. Detailreich schildert er nun das Leben in Peking zwischen dem Ende der Qing-Dynastie und 1937. Wer einmal dort war, erfährt hier die Geschichten, hinter noch existenten Namen von Gassen, Vierteln oder Restaurants. Es sind Geschichten, die wehmütig stimmen, weil sie vorbei sind. Auch das Foto auf dem Schuber und der Buchtitel „Peking – Verlorene Stadt“ stimmen melancholisch, doch nichts liegt dem Autor ferner als verklärende Nostalgie. Vielmehr entspringt das Buch einem fröhlichen „so war es“. Zugleich entfacht die Lektüre Fernweh und Entdeckergeist, denn vielleicht ist ja das ein oder andere Eckchen doch noch auffindbar oder man kann immerhin seinen Nachklang vernehmen.

Rainer Kloubert, Jahrgang 1944 ist Sinologe und Schriftsteller, der in China als Universitätslektor und für einen Wanderzirkus, sowie die Industrie arbeitete. Heute lebt er in London und Peking.

Bei Kloubert ist Peking nicht die laute, chaotische Stadt des 21. Jahrhunderts, sondern ein beschauliches, wohlorganisiertes Areal von Mauern, Toren, Hofhäusern und Gärten. Von der äußeren Gestalt der Stadt kommt er jedoch schnell auf deren Bewohner zu sprechen, die Mandschus und Bannerleute, sowie die Pekinger Chinesen. Paris – so heißt es schon am Anfang des Buches, sei vielleicht „die einzige Stadt im Westen, die es an savoir vivre mit Peking hätte aufnehmen können, nicht jedoch an Einfallsreichtum, der bei den Pekingern ein beneidenswertes Ausmaß erreicht hatte, vor allem was die kleinen Dinge des alltäglichen Lebens anbetraf, die sie ständig zu „elegantisieren“ (讲究) suchten, ein Wort, das sie zärtlich liebten.“ Das macht neugierig auf die fliegenden Händler und Akrobaten, die Tanzmädchen und die Genießer von Tee und Vogelgesang. Assoziativ und lebendig geschrieben ermöglichen die kurzen Kapitel und ein Stichwortverzeichnis auch das schnelle Auffinden und Nachlesen, ob zu Lage und Funktion eines Stadttors, zu den Porzellanflickern, einzelnen Bauwerken, der Pekingoper oder zu Rosendatteln, einer Pekinger Spezialität. Das Buch ist nicht nur ein Lesevergnügen, sein Detailreichtum macht es zu einem wertvollen Nachschlagewerk. Wichtige Begriffe und Namen finden sich in chinesischen Schriftzeichen, im Anhang gibt es ein vom Autor kommentiertes Literaturverzeichnis und nicht zu vergessen sind die zahlreichen Fotos und Abbildungen auf fast jeder Seite. Auffällig sind dabei die vielen Kamele. Die genügsamen Tiere wurden bis weit in die dreißiger Jahre hinein als Lasttier genutzt. Am frühen Morgen gehörten Kamelglöckchen zu den typischen Klängen der Stadt, „nicht das blecherne und dümmliche Kuhglockengebimmel der europäischen Alpen, sondern ein Klang, der an die bald nahe, bald entfernt erklingenden Windglöckchen buddhistischer Tempel erinnerte“.

Und wenn wir schon bei Tieren sind: Hundefleisch war eine Pekinger Delikatesse, besonders für die einfachen Leute. Und wie die Tiere von zumeist Rikschakulis gefangen und getötet wurden, bevor sie zu den Händlern gelangten, kann man auch nachlesen. Auf die Wiedergabe möchte ich hier verzichten. Die heutigen Bewohner der Stadt behaupten ja gern, dass so etwas nur im Süden gegessen wurde, um sich zivilisiert zu geben.

Das gewichtige Buch hat eng bedruckte Seiten, mit vielen Fußnoten, die schon mal endlose Aufzählungen alter Gassennamen enthalten können oder aber sämtliche Namen der Teehäuser im Himmelsbrückenviertel. Wer möchte, kann da weiterblättern, aber bei der seitenlangen Aufzählung der Pekinger Snacks versäumt man dann vielleicht das Rezept für die schon erwähnten Rosendatteln.

Man meint Klänge und Gerüche förmlich wahrzunehmen, so lebendig schildert der Autor das Leben in Gassen und Vergnügungsvierteln, oder die Vorbereitung bestimmter Feiertagsbräuche.

Die atmosphärisch dichten Beschreibungen enden nach 280 Seiten. Es ist Sommer, die Pekinger bereiten sich auf die Saison der Grillenkämpfe vor. Am 7. Juli 1937 begann an der Marco Polo-Brücke der Krieg. Die unzähligen Löwen auf der Brücke und in der Stadt hatten nicht vermocht die Welt mit Furcht zu erfüllen und den Angreifern Einhalt zu gebieten.

 

Rainer Kloubert: Peking. Verlorene Stadt, Elfenbein-Verlag Berlin 2016, ISBN 978-3-941184-51-0, 320 Seiten, 49 Euro.

in: Ruizhong 2/2017